Die 40 Großsheikhs des Naqshbandiyya-Sufi Ordens
32. Sheikh der goldenen Kette:

Sheikh Ismail ash-Shirwani

Möge Allah seine Seele heiligen  21.02.2019
  • Sheikh Ismail ash-Shirwani war der Imam der spirituellen Kraft. Ein Meister des Sufismus, der Erbe des Thrones der Rechtleitung, der Brennpunkt der göttlichen Emanation und ein Turm der Geheimnisse der göttlichen Essenz.

    Durch Sheikh Ismail ash-Shirwani wurde die Menschheit auf dem Pfad des himmlischen Wissens geführt. Ruhmvolle Ehre erlangte sie mittels ihm. Er war das Leuchtfeuer seiner Zeit. Den Wissenden war er ihr Imam. Ab heute sollte nunmehr das Augenmerk aller auf ihn gerichtet sein.

    Sheikh Ismail ash-Shirwani war derjenige, dem zuteil wurde, den Naqshbandi Orden in den Kaukasus zu tragen, die Unterdrückung der russischen Besatzung zu bekämpfen und die Religion des Islams neue Stärke zu verleihen, nachdem sie schon so gut wie ausradiert worden war.

    An einem Dienstag den 7. des Dhul-Qida im Jahre 1201 n.H. /1787 n.Chr. kam er in Kurdemir auf die Welt, einem Khanat von Shirwan im Kaukasus. Seinen Körper prägten dessen Größe, Stärke und Erhabenheit. Sein Antlitz zierten eine blühende Gesichtsfarbe, tiefschwarze Augen und Bart. Weiter war seine Stimme hell und klar.

    In Shirwan lehrte ihn sein Vater, der einer der größten Gelehrten seiner Zeit war, Sheikh Anwar ash-Shirwani. So sollte der kleine Ismail schon im Alter von sieben Jahren den Quran auswendig rezitieren können. Auch beherrschte er die sieben verschiedenen Rezitationsarten. Im Alter von neun Jahren widmete er sich bei Sheikh Abdur Rahman ad-Daghestani der Rechtswissenschaft und der Wissenschaft der Überlieferungen. Schon in kürzester Zeit war er im Stande für jegliches Problem der Rechtssprechung eine Lösung darzubieten.

    Eines Tages überkam ihn solch himmlischer Segen, der seinen Verstand hinwegnahm und ihn in einen Zustand der Auflösung versetzte. Diese visionsartige Erscheinung drängte ihn nach der Wirklichkeit seines Herzens zu suchen und eine Stimme riet ihm: „Gehe nach Delhi, wo du von dessen Gelehrten und Sheikhs lernen wirst. Möge Gott dir ein gutes Los gewähren, auf dass du die Nachfolger des Sheikh Abd Allah ad-Dahlawis treffen mögest.“

    Immer und immer wieder erschienen ihm solche Visionen. Als er dann schließlich siebzehn Jahre alt geworden war, ging er zu seinem Vater und gab bekannt: „Ich will einer der Schüler des Abd Allah ad-Dahlawis werden.“ Es fiel seinem Vater sehr schwer, ihm die Erlaubnis zu einer dermaßen langen und beschwerlichen Reise zu geben. Als er jedoch letztlich zustimmen musste, brach Ismail sofort auf.

  • Tag und Nacht wanderte er zu Fuß ohne jegliches Transportmittel nach Delhi. Nach einem Jahr endlich hatte er das Haus des Abd Allah ad-Dahlawis erreicht.

    Dort lebte er fortan, lernte von ihm und war einige Jahre in seinem Dienst. Im Jahre 1224 n.H. /1809 n.Chr. traf er auf Mawlana Khalid, der nach Indien gekommen war um vor dem Füßen des Sheikh Abd Allah ad-Dahlawis in den Orden eingeweiht zu werden. Gründlich beobachtete er das Verhalten Mawlana Khalids gegenüber Sheikh Abd Allah. Zutiefst beeindruckte ihn die Aufrichtigkeit, die Mawlana Kahlid bei seinem Dienst des Sheikhs stets gepflegt hatte. Einmal schaute Sheikh Abd Allah auf Ismail und sagte: „Deine Geheimnisse sind mit Sheikh Khalid. Du wirst ihn auf seinem Rückweg in sein Land begleiten.“

    Als Mawlana Khalid im Jahre 1225 nach Damaskus zurückkehrte, beschloss Sheikh Ismail as-Shirwani sich ein letztes Mal bei seinen Eltern im Kaukasus zu verabschieden. Auf seinem Heimweg nach Shirwan, machte er in einer Stadt halt, in der die Menschen bis zu diesem Tag vergeblich um Regen gebetet hatten. Schon seit einem ganzen Jahr war kein einziger Tropfen mehr gefallen. Als sie ihn erblickten und die Frömmigkeit aus seinem Gesichte lasen, baten sie ihn: „Mögest du doch zu Gott beten, auf dass er uns mit Seinem Regen beschere.“ Er erhob seine Hände zum Bittgebet. Auf einmal versammelten sich die Wolken und der Wind fing an zu wehen. Und schließlich fiel der langersehnte Regen, welcher sieben Tage das Land ununterbrochen von neuem zum Leben erwecken sollte.

    Als er dann endlich in Shirwan angekommen war, bat er umgehend seine Eltern um die Erlaubnis nach Damaskus umziehen zu dürfen. Sie wussten, dass nichts auf der Welt ihn hätte aufhalten können und billigten somit sein Vorhaben. Jedoch brach er nicht sofort auf, sondern verbrachte dort drei Jahre. Während seinem Aufenthalt, strömten Menschen zu ihm um von ihm zu lernen. Auch sollten durch ihn die Samen gesät werden, die später im Kampf gegen die russische Tyrannei im Kaukasus aufblühen sollten.

    In dem Buch Muslimischer Widerstand gegen den Zar: Shamil und die Eroberung Tschetscheniens und Daghestans schreibt Gammer:
    Sheikh Mansur etablierte nicht den Naqshbandi Orden im Kaukasus. Sondern es war der Naqshbandiyya Khalidiyya, welcher ein Zweig des Naqshbandi Ordens darstellt und nach Sheikh Diya al-Din Khalid al-Shahruzi (Khalid al-Baghdadi) benannt ist. Als ein Stellvertreter des Sheikh Kahlid war einer seiner Schüler, Sheikh Ismail al-Kurdumiri (Ismail ash-Shirani), viele Jahre in Shirwan aktiv. Nach der Annexion der Khanates im Jahre 1820 fingen die Russen an diese Bewegung zu verfolgen.

     

  • Von seinen Aussprüchen

    Gibt sich jemand seinem Herrn dem Allmächtigen hin, so wird die erste Frucht dieser Hingabe sein, dass er nicht mehr von den Menschen abhängig ist.

    Der liebliche Duft der Liebenden Gottes wird hervortreten und sich stets verbreiten. Versuchten sie ihn auch zu verbergen, so gelang es ihnen nicht, von wo sie auch kommen und wohin sie auch gehen mögen.

    Wer der Weisheit lauscht und sie nicht umsetzt ist ein Heuchler.

    Die Gesellschaft der Ketzer ist eine Krankheit und das Gegenmittel ist, sie zu verlassen.

    Der Allmächtige Herr verkündete, wer mit Uns geduldig ist, wird Uns erreichen.

    Gott begnadigt Seine Diener mit der Süße Seines Dhikrs. Dankst du Gott dafür und bist darüber erfreut, so wird Er dir Seine Vertrautheit gewähren. Dankst du Gott jedoch nicht dafür, so wird Er die Süße des Dhikr von dir wegnehmen und es zu geschmacklosen Worten auf deiner Zunge werden lassen.

    Gott zeigt uns Seine Vertrautheit mittels Seiner Heiligen.

    Sufismus ist Reinheit. Es ist keine Beschreibung. Es ist eine endlose Wahrheit, ein uferloser Fluss voll Rosen.

    Sufismus bedeutet die Geheimnisse Gottes kennend zu leben.

    Wer immer die Gesellschaft der Reichen der der Armen vorzieht, dessen Herz wird Gott sterben lassen.

    Für die Wissenden gibt es einen Zeitpunkt, da dann das Licht des Wissens auf sie scheint und sie die Wunder des Ungesehenen wahrnehmen können.

    Wer auch immer beansprucht hören zu können, aber noch immer nicht das Dhikr der Vögel, der Bäume und des Windes wahrnimmt, ist ein Lügner.

    Einst befragte man Ismail ash-Shirwani über das menschliche Wesen. Er erklärte: „Es gibt vier Arten der Menschen und Jinnen. Aus ihnen, strömt Gottes Wille hervor.“

    In Shirwan verbrachte er wenige Jahre.

  • Schon bald berief ihn sein Sheikh Abd Allah ad-Dahlawi nach Damaskus, auf das er Sheikh Khalid al-Baghdadi diene. Während seiner Reise nach Damaskus, sollte an jedem Ort, den sein Fuß betrat, der Naqshbandi Orden aufblühen. So zog er während des Frühlings von Shirwan nach Kuman, von Kuman nach Azerbaijan, Tiflis, Tabriz, Amad, Aleppo, Hama, Homs und nach einem Jahr dann auch nach Damaskus.

    In Sham angekommen wollte er umgehend seinen Sheikh aufsuchen. Jedoch gab es von Marja, dem Stadtzentrum, keinen direkten Weg auf den Berg, der über Damaskus emporragte und wo sich die khaniqah des Sheikhs befand. Die Last einer langen Reise auf seinem Rücken, musste er nun zwei weitere Stunden von Marja bis auf den Berg hinauf zur Türe seines Sheikhs wandern. Gerade wollte er eintreten als ihn der Sheikh entgegnete: „Wir hörten von deiner Ankunft. Sei herzlich Willkommen.“

    Das erste was ihm Sheikh Khalid auftrug, war die Abgeschiedenheit. In ihr lehrte ihn der Sheikh den Weg zur Vollkommenheit, so das er letztlich mit der Kraft und Macht dieses Ordens autorisiert wurde. Nun verkündete Sheikh Khalid jedem, dass sein Nachfolger gekommen war: ”Das ist mein Kalif. Er ist die Kuppel der Moschee des Propheten . Durch ihn wird das Geheimnis dieses Ordens weit bis nach Daghestan reichen. Ich sehe wie das Licht von sieben Generationen die Welt von dort erleuchten wird. Jeder dieser sieben Sheikhs wird die größte Macht der göttlichen Gegenwart repräsentieren. Sie werden eifrige Kämpfer gegen die Tyrannei sein, die einst über das Land ziehen wird. Unter den Menschen aus Daghestan wird ein besonderer Kämpfer hervortreten, der durch drei große Sheikhs dieses Ordens unterstützt wird. Er wird jener sein, der den Kampf gegen die Tyrannei und Unterdrückung anführen wird.

    Sheikh Ismail ash-Shirwani ist der höchste Wissende seiner Zeit. Ich hob ihn empor zu einem der vollkommensten Heiligen. Jeden von euch und nach euch wird er führen. Er wird jener sein, der das Geheimnis dieses Ordens im Gebiet des Kaukasus verbreiten wird. Ihm steht als erster das Erbe meines Thrones zu. Alles, was ich auf Gottes Wege aufgebracht habe, wird ihm anvertraut werden. Und seine Pflicht wird sein, sich um meine Kinder zu kümmern.”

    Wann immer Sheikh Ismail zu Besuch bei seinem Sheikh war, so diente er ihm und wich nie von seiner Seite. Auch reiste er zusammen mit Sheikh Khalid und durfte viele Jahre in seinem Haus leben. Er erbte das absolute Kalifat. Ihm wurde erlaubt, die Suchenden recht zu leiten. Die Menschen zu den höchsten Stufen seines Wissens führend, reichte sein Ruhm von Sham, Irak, Persien, Türkei, Armenien bis in den Kaukasus.

  • Sheikh Khalid persönlich beauftragte ihn die Menschen zu trainieren und sie zu lehren. Jede Tat der Suchenden aufgenommen, stellte er sie anschließend die eine nach der anderen seinem Sheikh, Mawlana Khalid, vor und teilte ihm die Fragen seiner Weggefährten mit. Dann beantwortete der Sheikh selbst die Frage oder autorisierte Sheikh Ismail damit.

    Es wird überliefert: Oft sagte Sheikh Ismail zu uns: „Ich bin ein polierter Spiegel. Was immer Mawlana Khalid in mich eingraviert hat, das habe ich auf euch widergespiegelt.“ Und niemals sah er sich als etwas Besseres an.

    Als jener Tag, der Todestag des Sheikh Khalids, schließlich eingetroffen war, überkam jeden tiefste Trauer. Vor allem Sheikh Ismail ergriff schmerzvollstes Leid. Wie sollte es nunmehr weitergehen? Trotz dieses Unwetters und Bebens gelang es Sheikh Ismail, wie ein Fels in der Brandung, Standhaftigkeit zu bewahren. Jetzt rief er alle Schüler des Sheikhs zusammen und sie bekannten von neuem ihren Bund am Kleid Gottes. Schließlich erquickte er sie mit seiner Energie und beseitigte jegliche Trauer von ihnen. In die Fußstapfen seines Sheikhs stapfend, segnete und ehrte er sie und übernahm die Verantwortung ihrer Rechtleitung. So wie es der Sheikh gewünscht hatte, lehrte er sie den besten der Wege und bereitete sie auf höchstes Wissen vor. Einmal gab er preis: „Wusstet ihr etwa nicht, dass Mawlana Khalid einer von jenen war, die der Tod niemals erreichen wird? Jede Sekunde und jeden Moment sind sie an unserer Seite.“

    Nun war schließlich die Zeit gekommen, dass auch er seinen Nachfolger erwählen sollte. So reiste er in schnellem Tagesmarsch zurück in seine Heimat nach Shirwan und begann mit dem Training des Khas Muhammed. Das Licht dieses Ordens auf seinem Antlitz erkannt, sagte er: „Du wirst einer meiner Nachfolger werden.“ So sollte er einst sein Geheimnis an ihn, als auch den beiden großen Sheikhs, Sheikh Muhammed Effendi al-Yaraghi und Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni, weitergeben.

    Während seiner Rückreise in seine Heimat lehrte er den Menschen den Naqshbandi Weg und ermutigte sie zum Kampf gegen die unterdrückende Übermacht der Russen, denen jeglicher Glaube an Gott und Spiritualität zuwider war. Schnell hatte er überall Schüler angesammelt und viele unter ihnen wurden zu unerschütterlichen Kämpfern gegen die Russen. Darunter die führenden Persönlichkeiten der Bewegung, Imam Shamil ad-Daghestani und Ghazi Muhammed. 36 Jahre sollten sie der russischen Tyrannei die Stirn bieten können.

     

  • Von seinen Wundern

    Eines Tages befand sich Sheikh Ismail in einer Moschee. Plötzlich sah er einen hilflosen Armen erscheinen. Er näherte sich ihm und fragte: „Was hättest du gerne?“ Er antworte: „Ich wünsche mir warmes Brot und etwas zu essen.“ Sheikh Ismail erhob seine Hände zum Bittgebet: „O Herr, hier ist dein Diener, der seit drei Tagen nichts zu sich genommen hat. Beschere ihn mit einer Deiner Tafeln.“ Kaum war sein Gebet beendet, als ein Mann in die Moschee hineingestürmt kam: „Meine Frau ist krank und ich schwur die Bedürftigen zu versogen, auf dass sie geheilt werde. Hier habe ich warmes Brot und etwas zu essen.“

    Einer seiner Schüler in Daghestan erzählt: Einmal sagte Sheikh Ismail zu sich: „O mein Ego, ich bin sauer mit dir. Ich werde dich mit Schwierigkeiten überfallen.“ So brach er auf ins Gebirge von Shirwan und legte sich vor den Eingang einer Höhle, wo zwei Löwen lebten. Zu unserer Überraschung, wurden sie dem Sheikh zu keinem Zeitpunkt gefährlich. Ganz im Gegenteil. Der Löwe, der ein großes Stück Fleisch in seinem Maul hatte, entfernte sich von ihm, setzte sich hin und beobachtete ihn anschließend. Nun erschien die Löwin, ebenfalls mit Fleisch in ihrem Maul. Sie brüllte. So kam der Löwe zur ihr, beruhigte sie und beide betrachteten jetzt zusammen den Sheikh. Dann überließ der Löwe der Mutter die Jungen und begab sich zum Sheikh. Still gesellte er sich zu ihm und blieb an seiner Seite, bis der Sheikh ihn verließ.

    Eines Tages kam Sheikh Ismail an einem Dorf vorbei. Die Dorfbewohner, die ihn gesehen und erkannt hatten, kamen zu ihm angerannt. Darunter war auch der Sheikh des Dorfes, der ihn bat: „O Sheikh Ismail, bitte lehre uns.“ Er antwortete: „O Abu Said, Gott hat zwei Wege, auf denen Er die Menschen lehrt: einen üblichen und einen besonderen. Derjenige, den du anwendest, gehört zu den üblichen. Willst du einmal von dem besonderem erfahren, so begleite mich.“ Der Sheikh mit seinen Schülern folgte ihm und sie kamen an ein Flussufer. Nun sagte er: „Dies ist der Weg Gottes,“ lief über das Wasser und verschwand.

    Sheikh Abdur Rahman ad-Daghestani berichtet: Einmal wohnte ich einer großen Gruppe bei. Wir sahen wie sich uns Sheikh Ismail mit einem Wollkleid und neuen Schuhen nährte. Ich sagte zu mir: „Dieser Sheikh Ismail ist ein wahrhaftiger Sufi Sheikh. Ich werde zu ihm gehen und ihn mit schwierigen Fragen konfrontieren um zu sehen ob er sie beantworten kann.“ Auf einmal sagte er: „ O Abdur Rahman, Gott hat es uns im Heiligen Quran verboten schlechte Gedanken zu hegen. Was du vorhast zeugt nicht von respektvollem Handeln.“

  • Ich war erstaunt: „Was für ein Wunder! Das ist großartig! Wie konnte er von meiner Frage wissen und woher kannte er meinen Namen? Ich muss ihm folgen, so dass ich ihn mehr fragen kann.“ Ich rannte zu ihm, er war jedoch verschwunden.

    Eines Tages sah ich ihn in einem Dorf. Er war gerade beim Gebet. Von seinen Augen flossen Tränen. Als er das Gebet vollendet hatte, lief ich zu ihm und ich wollte mich bei ihm für letztes Mal entschuldigen. Auf mich blickend, sagte er: „Rezitiere den Vers ‚Zweifellos, Ich bin Jener, Der immer und immer wieder vergibt, jenen die bereuen, glauben und Rechtes verrichten; jenen, die bereit sind wahre Rechtleitung zu empfangen.’ (20:82)“

    Dann ging er weiter. Ich dachte, er sei sicherlich einer der Stellvertreter der spirituellen Pole. Und dies war das zweite Mal, dass er meine Gedanken hatte lesen können.“

    Noch am selben Tag kam ich später auf meinem Rückweg wieder an jenem Dorf vorbei und ich sah ihn neben einem Brunnen mit einem Becher in seiner Hand. Gerade wollte er von dem Brunnen schöpfen. Während ich ihn jedoch beobachtete, fiel sein Becher in den Brunnen. Dann sah ich, wie er seine Hände in den Himmel hob und betete: „O Gott, ich bin durstig und das Wasser ist meine einzige Nahrung. O mein Herr, Du kennst mein Herz und Du weißt, dass ich durstig bin.“ Wahrlich bei Gottes Allmacht, es verstrich nicht eine Sekunde nach seinem Gebet und der Brunnen füllte sich, sodass das Wasser sogar überschwappte und somit auch sein Becher erschien. Jetzt nahm er den Becher und stillte seinen Durst. Dann wusch er sich und verrichte vier Gebetseinheiten. Schließlich vermischte er Sand mit dem Wasser und rührte es mit seinem Finger um. Danach setzte er sich hin und nahm von dieser Mixtur zu sich. Ich näherte mich ihm und fragte: „O Sheikh Ismail, lass mich mit dir essen. Was hast du da, Erde?“ Daraufhin erwiderte er: „O Abdur Rahman, bewahre deine guten Gedanken, die dir Gott geschenkt hat.“ Sogleich gab er mir seinen Becher und ließ mich davon kosten. Es war Wasser mit Honig. Ich schwöre bei Gott, dass ich in meinem ganzen Leben niemals etwas Vergleichbares gekostet hatte. Noch nach vielen Tagen verblieb jener süßliche Geschmack, der mich voll und ganz gesättigt hatte, in meinem Mund.

    Sheikh Muhammed Daghestani sagte: ”Einmal begab ich mich zu Sheikh Ismail ash-Shirwani. Seine Hände geküsst, bat ich ihn darum, ihn auf einer seiner Reisen begleiten zu dürfen. So gewährte er mir die Ehre mit ihm zwei Tage zu verbringen. Während diesen beiden Tagen, hatte ich ihn nicht ein einzigs Mal etwas zu sich nehmen sehen. Wohingegen ich jedoch sehr hungrig und durstig wurde. Stetig verschlechterte sich mein Zustand.

  • Schließlich sagte ich: „O mein Sheikh, ich bin so schwach.“ Er antwortete: „Bist du hungrig oder durstig?“ Ich sagte: „Ja, beides.“ Daraufhin erwiderte er: „Dann gebührt dir meine Gesellschaft nicht. Schließe nun deine Augen.“ Ich tat, was er sagte und als ich meine Augen wieder geöffnet hatte, war ich bei mir zu Hause.“

    Sein Ableben

    Sheikh Ismail ash-Shirwani verstarb am 10en des Dhul-Hijja, einem Mittwoch im Jahre 1225 n.H. / 1840 n.Chr., und wurde in Amasya begraben. Das Geheimnis der Goldenen Kette vertraute er seinen drei Kalifen an. So sollten sein Erbe, wie es damals auch bei Shah Naqshband der Fall gewesen war, gleich mehrere antreten. Jedoch gilt eine Unterscheidung zu treffen, denn Shah Naqshband übergab das ganze Geheimnis nur einem, nämlich dem Alauddin al-Attar. Wohingegen Sheikh Ismail diesen Schatz der Goldenen Kette an Sheikh Khas Muhammed ash-Shirwani, Sheikh Muhammed Efendi al-Yaraghi al-Kurali und an Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni weitergab.

    Sheikh Ismail informierte seine drei Kalifen über ihre Zukunft: Euch dreien auf einmal soll das Geheimnis dieses Ordens anvertraut werden und zwar auf Wunsch des Propheten (sav), des Abd al-Khaliq al-Ghujdawani, des Shah Naqshband und auf Anliegen meines Sheikhs, Khalid al-Baghdadi, und der Spiritualität des Uways al-Qarani . Jedem von euch soll das Geheimnis, wie auch die Kraft dieses Ordens zuteil werden. Jedoch werdet ihr nach einander den Thron der Rechtleitung besteigen. Anfangs soll es dem Sheikh Khas Muhammed Shirwani gewährt sein. Dann dem Muhammed Efendi al-Yaraghi al-Kurali und schließlich dem Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni.

    Somit waren diese Worte auch eine Art Vorhersage der Todeszeitpunkte seiner drei Nachfolger.

  • Sheikh Ismail ash-Shirwani war der Imam der spirituellen Kraft. Ein Meister des Sufismus, der Erbe des Thrones der Rechtleitung, der Brennpunkt der göttlichen Emanation und ein Turm der Geheimnisse der göttlichen Essenz.

    Durch Sheikh Ismail ash-Shirwani wurde die Menschheit auf dem Pfad des himmlischen Wissens geführt. Ruhmvolle Ehre erlangte sie mittels ihm. Er war das Leuchtfeuer seiner Zeit. Den Wissenden war er ihr Imam. Ab heute sollte nunmehr das Augenmerk aller auf ihn gerichtet sein.

    Sheikh Ismail ash-Shirwani war derjenige, dem zuteil wurde, den Naqshbandi Orden in den Kaukasus zu tragen, die Unterdrückung der russischen Besatzung zu bekämpfen und die Religion des Islams neue Stärke zu verleihen, nachdem sie schon so gut wie ausradiert worden war.

    An einem Dienstag den 7. des Dhul-Qida im Jahre 1201 n.H. /1787 n.Chr. kam er in Kurdemir auf die Welt, einem Khanat von Shirwan im Kaukasus. Seinen Körper prägten dessen Größe, Stärke und Erhabenheit. Sein Antlitz zierten eine blühende Gesichtsfarbe, tiefschwarze Augen und Bart. Weiter war seine Stimme hell und klar.

    In Shirwan lehrte ihn sein Vater, der einer der größten Gelehrten seiner Zeit war, Sheikh Anwar ash-Shirwani. So sollte der kleine Ismail schon im Alter von sieben Jahren den Quran auswendig rezitieren können. Auch beherrschte er die sieben verschiedenen Rezitationsarten. Im Alter von neun Jahren widmete er sich bei Sheikh Abdur Rahman ad-Daghestani der Rechtswissenschaft und der Wissenschaft der Überlieferungen. Schon in kürzester Zeit war er im Stande für jegliches Problem der Rechtssprechung eine Lösung darzubieten.

    Eines Tages überkam ihn solch himmlischer Segen, der seinen Verstand hinwegnahm und ihn in einen Zustand der Auflösung versetzte. Diese visionsartige Erscheinung drängte ihn nach der Wirklichkeit seines Herzens zu suchen und eine Stimme riet ihm: „Gehe nach Delhi, wo du von dessen Gelehrten und Sheikhs lernen wirst. Möge Gott dir ein gutes Los gewähren, auf dass du die Nachfolger des Sheikh Abd Allah ad-Dahlawis treffen mögest.“

    Immer und immer wieder erschienen ihm solche Visionen. Als er dann schließlich siebzehn Jahre alt geworden war, ging er zu seinem Vater und gab bekannt: „Ich will einer der Schüler des Abd Allah ad-Dahlawis werden.“ Es fiel seinem Vater sehr schwer, ihm die Erlaubnis zu einer dermaßen langen und beschwerlichen Reise zu geben. Als er jedoch letztlich zustimmen musste, brach Ismail sofort auf.

  • Tag und Nacht wanderte er zu Fuß ohne jegliches Transportmittel nach Delhi. Nach einem Jahr endlich hatte er das Haus des Abd Allah ad-Dahlawis erreicht.

    Dort lebte er fortan, lernte von ihm und war einige Jahre in seinem Dienst. Im Jahre 1224 n.H. /1809 n.Chr. traf er auf Mawlana Khalid, der nach Indien gekommen war um vor dem Füßen des Sheikh Abd Allah ad-Dahlawis in den Orden eingeweiht zu werden. Gründlich beobachtete er das Verhalten Mawlana Khalids gegenüber Sheikh Abd Allah. Zutiefst beeindruckte ihn die Aufrichtigkeit, die Mawlana Kahlid bei seinem Dienst des Sheikhs stets gepflegt hatte. Einmal schaute Sheikh Abd Allah auf Ismail und sagte: „Deine Geheimnisse sind mit Sheikh Khalid. Du wirst ihn auf seinem Rückweg in sein Land begleiten.“

    Als Mawlana Khalid im Jahre 1225 nach Damaskus zurückkehrte, beschloss Sheikh Ismail as-Shirwani sich ein letztes Mal bei seinen Eltern im Kaukasus zu verabschieden. Auf seinem Heimweg nach Shirwan, machte er in einer Stadt halt, in der die Menschen bis zu diesem Tag vergeblich um Regen gebetet hatten. Schon seit einem ganzen Jahr war kein einziger Tropfen mehr gefallen. Als sie ihn erblickten und die Frömmigkeit aus seinem Gesichte lasen, baten sie ihn: „Mögest du doch zu Gott beten, auf dass er uns mit Seinem Regen beschere.“ Er erhob seine Hände zum Bittgebet. Auf einmal versammelten sich die Wolken und der Wind fing an zu wehen. Und schließlich fiel der langersehnte Regen, welcher sieben Tage das Land ununterbrochen von neuem zum Leben erwecken sollte.

    Als er dann endlich in Shirwan angekommen war, bat er umgehend seine Eltern um die Erlaubnis nach Damaskus umziehen zu dürfen. Sie wussten, dass nichts auf der Welt ihn hätte aufhalten können und billigten somit sein Vorhaben. Jedoch brach er nicht sofort auf, sondern verbrachte dort drei Jahre. Während seinem Aufenthalt, strömten Menschen zu ihm um von ihm zu lernen. Auch sollten durch ihn die Samen gesät werden, die später im Kampf gegen die russische Tyrannei im Kaukasus aufblühen sollten.

    In dem Buch Muslimischer Widerstand gegen den Zar: Shamil und die Eroberung Tschetscheniens und Daghestans schreibt Gammer:
    Sheikh Mansur etablierte nicht den Naqshbandi Orden im Kaukasus. Sondern es war der Naqshbandiyya Khalidiyya, welcher ein Zweig des Naqshbandi Ordens darstellt und nach Sheikh Diya al-Din Khalid al-Shahruzi (Khalid al-Baghdadi) benannt ist. Als ein Stellvertreter des Sheikh Kahlid war einer seiner Schüler, Sheikh Ismail al-Kurdumiri (Ismail ash-Shirani), viele Jahre in Shirwan aktiv. Nach der Annexion der Khanates im Jahre 1820 fingen die Russen an diese Bewegung zu verfolgen.

     

  • Von seinen Aussprüchen

    Gibt sich jemand seinem Herrn dem Allmächtigen hin, so wird die erste Frucht dieser Hingabe sein, dass er nicht mehr von den Menschen abhängig ist.

    Der liebliche Duft der Liebenden Gottes wird hervortreten und sich stets verbreiten. Versuchten sie ihn auch zu verbergen, so gelang es ihnen nicht, von wo sie auch kommen und wohin sie auch gehen mögen.

    Wer der Weisheit lauscht und sie nicht umsetzt ist ein Heuchler.

    Die Gesellschaft der Ketzer ist eine Krankheit und das Gegenmittel ist, sie zu verlassen.

    Der Allmächtige Herr verkündete, wer mit Uns geduldig ist, wird Uns erreichen.

    Gott begnadigt Seine Diener mit der Süße Seines Dhikrs. Dankst du Gott dafür und bist darüber erfreut, so wird Er dir Seine Vertrautheit gewähren. Dankst du Gott jedoch nicht dafür, so wird Er die Süße des Dhikr von dir wegnehmen und es zu geschmacklosen Worten auf deiner Zunge werden lassen.

    Gott zeigt uns Seine Vertrautheit mittels Seiner Heiligen.

    Sufismus ist Reinheit. Es ist keine Beschreibung. Es ist eine endlose Wahrheit, ein uferloser Fluss voll Rosen.

    Sufismus bedeutet die Geheimnisse Gottes kennend zu leben.

    Wer immer die Gesellschaft der Reichen der der Armen vorzieht, dessen Herz wird Gott sterben lassen.

    Für die Wissenden gibt es einen Zeitpunkt, da dann das Licht des Wissens auf sie scheint und sie die Wunder des Ungesehenen wahrnehmen können.

    Wer auch immer beansprucht hören zu können, aber noch immer nicht das Dhikr der Vögel, der Bäume und des Windes wahrnimmt, ist ein Lügner.

    Einst befragte man Ismail ash-Shirwani über das menschliche Wesen. Er erklärte: „Es gibt vier Arten der Menschen und Jinnen. Aus ihnen, strömt Gottes Wille hervor.“

    In Shirwan verbrachte er wenige Jahre.

  • Schon bald berief ihn sein Sheikh Abd Allah ad-Dahlawi nach Damaskus, auf das er Sheikh Khalid al-Baghdadi diene. Während seiner Reise nach Damaskus, sollte an jedem Ort, den sein Fuß betrat, der Naqshbandi Orden aufblühen. So zog er während des Frühlings von Shirwan nach Kuman, von Kuman nach Azerbaijan, Tiflis, Tabriz, Amad, Aleppo, Hama, Homs und nach einem Jahr dann auch nach Damaskus.

    In Sham angekommen wollte er umgehend seinen Sheikh aufsuchen. Jedoch gab es von Marja, dem Stadtzentrum, keinen direkten Weg auf den Berg, der über Damaskus emporragte und wo sich die khaniqah des Sheikhs befand. Die Last einer langen Reise auf seinem Rücken, musste er nun zwei weitere Stunden von Marja bis auf den Berg hinauf zur Türe seines Sheikhs wandern. Gerade wollte er eintreten als ihn der Sheikh entgegnete: „Wir hörten von deiner Ankunft. Sei herzlich Willkommen.“

    Das erste was ihm Sheikh Khalid auftrug, war die Abgeschiedenheit. In ihr lehrte ihn der Sheikh den Weg zur Vollkommenheit, so das er letztlich mit der Kraft und Macht dieses Ordens autorisiert wurde. Nun verkündete Sheikh Khalid jedem, dass sein Nachfolger gekommen war: ”Das ist mein Kalif. Er ist die Kuppel der Moschee des Propheten . Durch ihn wird das Geheimnis dieses Ordens weit bis nach Daghestan reichen. Ich sehe wie das Licht von sieben Generationen die Welt von dort erleuchten wird. Jeder dieser sieben Sheikhs wird die größte Macht der göttlichen Gegenwart repräsentieren. Sie werden eifrige Kämpfer gegen die Tyrannei sein, die einst über das Land ziehen wird. Unter den Menschen aus Daghestan wird ein besonderer Kämpfer hervortreten, der durch drei große Sheikhs dieses Ordens unterstützt wird. Er wird jener sein, der den Kampf gegen die Tyrannei und Unterdrückung anführen wird.

    Sheikh Ismail ash-Shirwani ist der höchste Wissende seiner Zeit. Ich hob ihn empor zu einem der vollkommensten Heiligen. Jeden von euch und nach euch wird er führen. Er wird jener sein, der das Geheimnis dieses Ordens im Gebiet des Kaukasus verbreiten wird. Ihm steht als erster das Erbe meines Thrones zu. Alles, was ich auf Gottes Wege aufgebracht habe, wird ihm anvertraut werden. Und seine Pflicht wird sein, sich um meine Kinder zu kümmern.”

    Wann immer Sheikh Ismail zu Besuch bei seinem Sheikh war, so diente er ihm und wich nie von seiner Seite. Auch reiste er zusammen mit Sheikh Khalid und durfte viele Jahre in seinem Haus leben. Er erbte das absolute Kalifat. Ihm wurde erlaubt, die Suchenden recht zu leiten. Die Menschen zu den höchsten Stufen seines Wissens führend, reichte sein Ruhm von Sham, Irak, Persien, Türkei, Armenien bis in den Kaukasus.

  • Sheikh Khalid persönlich beauftragte ihn die Menschen zu trainieren und sie zu lehren. Jede Tat der Suchenden aufgenommen, stellte er sie anschließend die eine nach der anderen seinem Sheikh, Mawlana Khalid, vor und teilte ihm die Fragen seiner Weggefährten mit. Dann beantwortete der Sheikh selbst die Frage oder autorisierte Sheikh Ismail damit.

    Es wird überliefert: Oft sagte Sheikh Ismail zu uns: „Ich bin ein polierter Spiegel. Was immer Mawlana Khalid in mich eingraviert hat, das habe ich auf euch widergespiegelt.“ Und niemals sah er sich als etwas Besseres an.

    Als jener Tag, der Todestag des Sheikh Khalids, schließlich eingetroffen war, überkam jeden tiefste Trauer. Vor allem Sheikh Ismail ergriff schmerzvollstes Leid. Wie sollte es nunmehr weitergehen? Trotz dieses Unwetters und Bebens gelang es Sheikh Ismail, wie ein Fels in der Brandung, Standhaftigkeit zu bewahren. Jetzt rief er alle Schüler des Sheikhs zusammen und sie bekannten von neuem ihren Bund am Kleid Gottes. Schließlich erquickte er sie mit seiner Energie und beseitigte jegliche Trauer von ihnen. In die Fußstapfen seines Sheikhs stapfend, segnete und ehrte er sie und übernahm die Verantwortung ihrer Rechtleitung. So wie es der Sheikh gewünscht hatte, lehrte er sie den besten der Wege und bereitete sie auf höchstes Wissen vor. Einmal gab er preis: „Wusstet ihr etwa nicht, dass Mawlana Khalid einer von jenen war, die der Tod niemals erreichen wird? Jede Sekunde und jeden Moment sind sie an unserer Seite.“

    Nun war schließlich die Zeit gekommen, dass auch er seinen Nachfolger erwählen sollte. So reiste er in schnellem Tagesmarsch zurück in seine Heimat nach Shirwan und begann mit dem Training des Khas Muhammed. Das Licht dieses Ordens auf seinem Antlitz erkannt, sagte er: „Du wirst einer meiner Nachfolger werden.“ So sollte er einst sein Geheimnis an ihn, als auch den beiden großen Sheikhs, Sheikh Muhammed Effendi al-Yaraghi und Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni, weitergeben.

    Während seiner Rückreise in seine Heimat lehrte er den Menschen den Naqshbandi Weg und ermutigte sie zum Kampf gegen die unterdrückende Übermacht der Russen, denen jeglicher Glaube an Gott und Spiritualität zuwider war. Schnell hatte er überall Schüler angesammelt und viele unter ihnen wurden zu unerschütterlichen Kämpfern gegen die Russen. Darunter die führenden Persönlichkeiten der Bewegung, Imam Shamil ad-Daghestani und Ghazi Muhammed. 36 Jahre sollten sie der russischen Tyrannei die Stirn bieten können.

     

  • Von seinen Wundern

    Eines Tages befand sich Sheikh Ismail in einer Moschee. Plötzlich sah er einen hilflosen Armen erscheinen. Er näherte sich ihm und fragte: „Was hättest du gerne?“ Er antworte: „Ich wünsche mir warmes Brot und etwas zu essen.“ Sheikh Ismail erhob seine Hände zum Bittgebet: „O Herr, hier ist dein Diener, der seit drei Tagen nichts zu sich genommen hat. Beschere ihn mit einer Deiner Tafeln.“ Kaum war sein Gebet beendet, als ein Mann in die Moschee hineingestürmt kam: „Meine Frau ist krank und ich schwur die Bedürftigen zu versogen, auf dass sie geheilt werde. Hier habe ich warmes Brot und etwas zu essen.“

    Einer seiner Schüler in Daghestan erzählt: Einmal sagte Sheikh Ismail zu sich: „O mein Ego, ich bin sauer mit dir. Ich werde dich mit Schwierigkeiten überfallen.“ So brach er auf ins Gebirge von Shirwan und legte sich vor den Eingang einer Höhle, wo zwei Löwen lebten. Zu unserer Überraschung, wurden sie dem Sheikh zu keinem Zeitpunkt gefährlich. Ganz im Gegenteil. Der Löwe, der ein großes Stück Fleisch in seinem Maul hatte, entfernte sich von ihm, setzte sich hin und beobachtete ihn anschließend. Nun erschien die Löwin, ebenfalls mit Fleisch in ihrem Maul. Sie brüllte. So kam der Löwe zur ihr, beruhigte sie und beide betrachteten jetzt zusammen den Sheikh. Dann überließ der Löwe der Mutter die Jungen und begab sich zum Sheikh. Still gesellte er sich zu ihm und blieb an seiner Seite, bis der Sheikh ihn verließ.

    Eines Tages kam Sheikh Ismail an einem Dorf vorbei. Die Dorfbewohner, die ihn gesehen und erkannt hatten, kamen zu ihm angerannt. Darunter war auch der Sheikh des Dorfes, der ihn bat: „O Sheikh Ismail, bitte lehre uns.“ Er antwortete: „O Abu Said, Gott hat zwei Wege, auf denen Er die Menschen lehrt: einen üblichen und einen besonderen. Derjenige, den du anwendest, gehört zu den üblichen. Willst du einmal von dem besonderem erfahren, so begleite mich.“ Der Sheikh mit seinen Schülern folgte ihm und sie kamen an ein Flussufer. Nun sagte er: „Dies ist der Weg Gottes,“ lief über das Wasser und verschwand.

    Sheikh Abdur Rahman ad-Daghestani berichtet: Einmal wohnte ich einer großen Gruppe bei. Wir sahen wie sich uns Sheikh Ismail mit einem Wollkleid und neuen Schuhen nährte. Ich sagte zu mir: „Dieser Sheikh Ismail ist ein wahrhaftiger Sufi Sheikh. Ich werde zu ihm gehen und ihn mit schwierigen Fragen konfrontieren um zu sehen ob er sie beantworten kann.“ Auf einmal sagte er: „ O Abdur Rahman, Gott hat es uns im Heiligen Quran verboten schlechte Gedanken zu hegen. Was du vorhast zeugt nicht von respektvollem Handeln.“

  • Ich war erstaunt: „Was für ein Wunder! Das ist großartig! Wie konnte er von meiner Frage wissen und woher kannte er meinen Namen? Ich muss ihm folgen, so dass ich ihn mehr fragen kann.“ Ich rannte zu ihm, er war jedoch verschwunden.

    Eines Tages sah ich ihn in einem Dorf. Er war gerade beim Gebet. Von seinen Augen flossen Tränen. Als er das Gebet vollendet hatte, lief ich zu ihm und ich wollte mich bei ihm für letztes Mal entschuldigen. Auf mich blickend, sagte er: „Rezitiere den Vers ‚Zweifellos, Ich bin Jener, Der immer und immer wieder vergibt, jenen die bereuen, glauben und Rechtes verrichten; jenen, die bereit sind wahre Rechtleitung zu empfangen.’ (20:82)“

    Dann ging er weiter. Ich dachte, er sei sicherlich einer der Stellvertreter der spirituellen Pole. Und dies war das zweite Mal, dass er meine Gedanken hatte lesen können.“

    Noch am selben Tag kam ich später auf meinem Rückweg wieder an jenem Dorf vorbei und ich sah ihn neben einem Brunnen mit einem Becher in seiner Hand. Gerade wollte er von dem Brunnen schöpfen. Während ich ihn jedoch beobachtete, fiel sein Becher in den Brunnen. Dann sah ich, wie er seine Hände in den Himmel hob und betete: „O Gott, ich bin durstig und das Wasser ist meine einzige Nahrung. O mein Herr, Du kennst mein Herz und Du weißt, dass ich durstig bin.“ Wahrlich bei Gottes Allmacht, es verstrich nicht eine Sekunde nach seinem Gebet und der Brunnen füllte sich, sodass das Wasser sogar überschwappte und somit auch sein Becher erschien. Jetzt nahm er den Becher und stillte seinen Durst. Dann wusch er sich und verrichte vier Gebetseinheiten. Schließlich vermischte er Sand mit dem Wasser und rührte es mit seinem Finger um. Danach setzte er sich hin und nahm von dieser Mixtur zu sich. Ich näherte mich ihm und fragte: „O Sheikh Ismail, lass mich mit dir essen. Was hast du da, Erde?“ Daraufhin erwiderte er: „O Abdur Rahman, bewahre deine guten Gedanken, die dir Gott geschenkt hat.“ Sogleich gab er mir seinen Becher und ließ mich davon kosten. Es war Wasser mit Honig. Ich schwöre bei Gott, dass ich in meinem ganzen Leben niemals etwas Vergleichbares gekostet hatte. Noch nach vielen Tagen verblieb jener süßliche Geschmack, der mich voll und ganz gesättigt hatte, in meinem Mund.

    Sheikh Muhammed Daghestani sagte: ”Einmal begab ich mich zu Sheikh Ismail ash-Shirwani. Seine Hände geküsst, bat ich ihn darum, ihn auf einer seiner Reisen begleiten zu dürfen. So gewährte er mir die Ehre mit ihm zwei Tage zu verbringen. Während diesen beiden Tagen, hatte ich ihn nicht ein einzigs Mal etwas zu sich nehmen sehen. Wohingegen ich jedoch sehr hungrig und durstig wurde. Stetig verschlechterte sich mein Zustand.

  • Schließlich sagte ich: „O mein Sheikh, ich bin so schwach.“ Er antwortete: „Bist du hungrig oder durstig?“ Ich sagte: „Ja, beides.“ Daraufhin erwiderte er: „Dann gebührt dir meine Gesellschaft nicht. Schließe nun deine Augen.“ Ich tat, was er sagte und als ich meine Augen wieder geöffnet hatte, war ich bei mir zu Hause.“

    Sein Ableben

    Sheikh Ismail ash-Shirwani verstarb am 10en des Dhul-Hijja, einem Mittwoch im Jahre 1225 n.H. / 1840 n.Chr., und wurde in Amasya begraben. Das Geheimnis der Goldenen Kette vertraute er seinen drei Kalifen an. So sollten sein Erbe, wie es damals auch bei Shah Naqshband der Fall gewesen war, gleich mehrere antreten. Jedoch gilt eine Unterscheidung zu treffen, denn Shah Naqshband übergab das ganze Geheimnis nur einem, nämlich dem Alauddin al-Attar. Wohingegen Sheikh Ismail diesen Schatz der Goldenen Kette an Sheikh Khas Muhammed ash-Shirwani, Sheikh Muhammed Efendi al-Yaraghi al-Kurali und an Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni weitergab.

    Sheikh Ismail informierte seine drei Kalifen über ihre Zukunft: Euch dreien auf einmal soll das Geheimnis dieses Ordens anvertraut werden und zwar auf Wunsch des Propheten (sav), des Abd al-Khaliq al-Ghujdawani, des Shah Naqshband und auf Anliegen meines Sheikhs, Khalid al-Baghdadi, und der Spiritualität des Uways al-Qarani . Jedem von euch soll das Geheimnis, wie auch die Kraft dieses Ordens zuteil werden. Jedoch werdet ihr nach einander den Thron der Rechtleitung besteigen. Anfangs soll es dem Sheikh Khas Muhammed Shirwani gewährt sein. Dann dem Muhammed Efendi al-Yaraghi al-Kurali und schließlich dem Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni.

    Somit waren diese Worte auch eine Art Vorhersage der Todeszeitpunkte seiner drei Nachfolger.

  • Sheikh Ismail ash-Shirwani war der Imam der spirituellen Kraft. Ein Meister des Sufismus, der Erbe des Thrones der Rechtleitung, der Brennpunkt der göttlichen Emanation und ein Turm der Geheimnisse der göttlichen Essenz.

    Durch Sheikh Ismail ash-Shirwani wurde die Menschheit auf dem Pfad des himmlischen Wissens geführt. Ruhmvolle Ehre erlangte sie mittels ihm. Er war das Leuchtfeuer seiner Zeit. Den Wissenden war er ihr Imam. Ab heute sollte nunmehr das Augenmerk aller auf ihn gerichtet sein.

    Sheikh Ismail ash-Shirwani war derjenige, dem zuteil wurde, den Naqshbandi Orden in den Kaukasus zu tragen, die Unterdrückung der russischen Besatzung zu bekämpfen und die Religion des Islams neue Stärke zu verleihen, nachdem sie schon so gut wie ausradiert worden war.

    An einem Dienstag den 7. des Dhul-Qida im Jahre 1201 n.H. /1787 n.Chr. kam er in Kurdemir auf die Welt, einem Khanat von Shirwan im Kaukasus. Seinen Körper prägten dessen Größe, Stärke und Erhabenheit. Sein Antlitz zierten eine blühende Gesichtsfarbe, tiefschwarze Augen und Bart. Weiter war seine Stimme hell und klar.

    In Shirwan lehrte ihn sein Vater, der einer der größten Gelehrten seiner Zeit war, Sheikh Anwar ash-Shirwani. So sollte der kleine Ismail schon im Alter von sieben Jahren den Quran auswendig rezitieren können. Auch beherrschte er die sieben verschiedenen Rezitationsarten. Im Alter von neun Jahren widmete er sich bei Sheikh Abdur Rahman ad-Daghestani der Rechtswissenschaft und der Wissenschaft der Überlieferungen. Schon in kürzester Zeit war er im Stande für jegliches Problem der Rechtssprechung eine Lösung darzubieten.

    Eines Tages überkam ihn solch himmlischer Segen, der seinen Verstand hinwegnahm und ihn in einen Zustand der Auflösung versetzte. Diese visionsartige Erscheinung drängte ihn nach der Wirklichkeit seines Herzens zu suchen und eine Stimme riet ihm: „Gehe nach Delhi, wo du von dessen Gelehrten und Sheikhs lernen wirst. Möge Gott dir ein gutes Los gewähren, auf dass du die Nachfolger des Sheikh Abd Allah ad-Dahlawis treffen mögest.“

    Immer und immer wieder erschienen ihm solche Visionen. Als er dann schließlich siebzehn Jahre alt geworden war, ging er zu seinem Vater und gab bekannt: „Ich will einer der Schüler des Abd Allah ad-Dahlawis werden.“ Es fiel seinem Vater sehr schwer, ihm die Erlaubnis zu einer dermaßen langen und beschwerlichen Reise zu geben. Als er jedoch letztlich zustimmen musste, brach Ismail sofort auf.

  • Tag und Nacht wanderte er zu Fuß ohne jegliches Transportmittel nach Delhi. Nach einem Jahr endlich hatte er das Haus des Abd Allah ad-Dahlawis erreicht.

    Dort lebte er fortan, lernte von ihm und war einige Jahre in seinem Dienst. Im Jahre 1224 n.H. /1809 n.Chr. traf er auf Mawlana Khalid, der nach Indien gekommen war um vor dem Füßen des Sheikh Abd Allah ad-Dahlawis in den Orden eingeweiht zu werden. Gründlich beobachtete er das Verhalten Mawlana Khalids gegenüber Sheikh Abd Allah. Zutiefst beeindruckte ihn die Aufrichtigkeit, die Mawlana Kahlid bei seinem Dienst des Sheikhs stets gepflegt hatte. Einmal schaute Sheikh Abd Allah auf Ismail und sagte: „Deine Geheimnisse sind mit Sheikh Khalid. Du wirst ihn auf seinem Rückweg in sein Land begleiten.“

    Als Mawlana Khalid im Jahre 1225 nach Damaskus zurückkehrte, beschloss Sheikh Ismail as-Shirwani sich ein letztes Mal bei seinen Eltern im Kaukasus zu verabschieden. Auf seinem Heimweg nach Shirwan, machte er in einer Stadt halt, in der die Menschen bis zu diesem Tag vergeblich um Regen gebetet hatten. Schon seit einem ganzen Jahr war kein einziger Tropfen mehr gefallen. Als sie ihn erblickten und die Frömmigkeit aus seinem Gesichte lasen, baten sie ihn: „Mögest du doch zu Gott beten, auf dass er uns mit Seinem Regen beschere.“ Er erhob seine Hände zum Bittgebet. Auf einmal versammelten sich die Wolken und der Wind fing an zu wehen. Und schließlich fiel der langersehnte Regen, welcher sieben Tage das Land ununterbrochen von neuem zum Leben erwecken sollte.

    Als er dann endlich in Shirwan angekommen war, bat er umgehend seine Eltern um die Erlaubnis nach Damaskus umziehen zu dürfen. Sie wussten, dass nichts auf der Welt ihn hätte aufhalten können und billigten somit sein Vorhaben. Jedoch brach er nicht sofort auf, sondern verbrachte dort drei Jahre. Während seinem Aufenthalt, strömten Menschen zu ihm um von ihm zu lernen. Auch sollten durch ihn die Samen gesät werden, die später im Kampf gegen die russische Tyrannei im Kaukasus aufblühen sollten.

    In dem Buch Muslimischer Widerstand gegen den Zar: Shamil und die Eroberung Tschetscheniens und Daghestans schreibt Gammer:
    Sheikh Mansur etablierte nicht den Naqshbandi Orden im Kaukasus. Sondern es war der Naqshbandiyya Khalidiyya, welcher ein Zweig des Naqshbandi Ordens darstellt und nach Sheikh Diya al-Din Khalid al-Shahruzi (Khalid al-Baghdadi) benannt ist. Als ein Stellvertreter des Sheikh Kahlid war einer seiner Schüler, Sheikh Ismail al-Kurdumiri (Ismail ash-Shirani), viele Jahre in Shirwan aktiv. Nach der Annexion der Khanates im Jahre 1820 fingen die Russen an diese Bewegung zu verfolgen.

     

  • Von seinen Aussprüchen

    Gibt sich jemand seinem Herrn dem Allmächtigen hin, so wird die erste Frucht dieser Hingabe sein, dass er nicht mehr von den Menschen abhängig ist.

    Der liebliche Duft der Liebenden Gottes wird hervortreten und sich stets verbreiten. Versuchten sie ihn auch zu verbergen, so gelang es ihnen nicht, von wo sie auch kommen und wohin sie auch gehen mögen.

    Wer der Weisheit lauscht und sie nicht umsetzt ist ein Heuchler.

    Die Gesellschaft der Ketzer ist eine Krankheit und das Gegenmittel ist, sie zu verlassen.

    Der Allmächtige Herr verkündete, wer mit Uns geduldig ist, wird Uns erreichen.

    Gott begnadigt Seine Diener mit der Süße Seines Dhikrs. Dankst du Gott dafür und bist darüber erfreut, so wird Er dir Seine Vertrautheit gewähren. Dankst du Gott jedoch nicht dafür, so wird Er die Süße des Dhikr von dir wegnehmen und es zu geschmacklosen Worten auf deiner Zunge werden lassen.

    Gott zeigt uns Seine Vertrautheit mittels Seiner Heiligen.

    Sufismus ist Reinheit. Es ist keine Beschreibung. Es ist eine endlose Wahrheit, ein uferloser Fluss voll Rosen.

    Sufismus bedeutet die Geheimnisse Gottes kennend zu leben.

    Wer immer die Gesellschaft der Reichen der der Armen vorzieht, dessen Herz wird Gott sterben lassen.

    Für die Wissenden gibt es einen Zeitpunkt, da dann das Licht des Wissens auf sie scheint und sie die Wunder des Ungesehenen wahrnehmen können.

    Wer auch immer beansprucht hören zu können, aber noch immer nicht das Dhikr der Vögel, der Bäume und des Windes wahrnimmt, ist ein Lügner.

    Einst befragte man Ismail ash-Shirwani über das menschliche Wesen. Er erklärte: „Es gibt vier Arten der Menschen und Jinnen. Aus ihnen, strömt Gottes Wille hervor.“

    In Shirwan verbrachte er wenige Jahre.

  • Schon bald berief ihn sein Sheikh Abd Allah ad-Dahlawi nach Damaskus, auf das er Sheikh Khalid al-Baghdadi diene. Während seiner Reise nach Damaskus, sollte an jedem Ort, den sein Fuß betrat, der Naqshbandi Orden aufblühen. So zog er während des Frühlings von Shirwan nach Kuman, von Kuman nach Azerbaijan, Tiflis, Tabriz, Amad, Aleppo, Hama, Homs und nach einem Jahr dann auch nach Damaskus.

    In Sham angekommen wollte er umgehend seinen Sheikh aufsuchen. Jedoch gab es von Marja, dem Stadtzentrum, keinen direkten Weg auf den Berg, der über Damaskus emporragte und wo sich die khaniqah des Sheikhs befand. Die Last einer langen Reise auf seinem Rücken, musste er nun zwei weitere Stunden von Marja bis auf den Berg hinauf zur Türe seines Sheikhs wandern. Gerade wollte er eintreten als ihn der Sheikh entgegnete: „Wir hörten von deiner Ankunft. Sei herzlich Willkommen.“

    Das erste was ihm Sheikh Khalid auftrug, war die Abgeschiedenheit. In ihr lehrte ihn der Sheikh den Weg zur Vollkommenheit, so das er letztlich mit der Kraft und Macht dieses Ordens autorisiert wurde. Nun verkündete Sheikh Khalid jedem, dass sein Nachfolger gekommen war: ”Das ist mein Kalif. Er ist die Kuppel der Moschee des Propheten . Durch ihn wird das Geheimnis dieses Ordens weit bis nach Daghestan reichen. Ich sehe wie das Licht von sieben Generationen die Welt von dort erleuchten wird. Jeder dieser sieben Sheikhs wird die größte Macht der göttlichen Gegenwart repräsentieren. Sie werden eifrige Kämpfer gegen die Tyrannei sein, die einst über das Land ziehen wird. Unter den Menschen aus Daghestan wird ein besonderer Kämpfer hervortreten, der durch drei große Sheikhs dieses Ordens unterstützt wird. Er wird jener sein, der den Kampf gegen die Tyrannei und Unterdrückung anführen wird.

    Sheikh Ismail ash-Shirwani ist der höchste Wissende seiner Zeit. Ich hob ihn empor zu einem der vollkommensten Heiligen. Jeden von euch und nach euch wird er führen. Er wird jener sein, der das Geheimnis dieses Ordens im Gebiet des Kaukasus verbreiten wird. Ihm steht als erster das Erbe meines Thrones zu. Alles, was ich auf Gottes Wege aufgebracht habe, wird ihm anvertraut werden. Und seine Pflicht wird sein, sich um meine Kinder zu kümmern.”

    Wann immer Sheikh Ismail zu Besuch bei seinem Sheikh war, so diente er ihm und wich nie von seiner Seite. Auch reiste er zusammen mit Sheikh Khalid und durfte viele Jahre in seinem Haus leben. Er erbte das absolute Kalifat. Ihm wurde erlaubt, die Suchenden recht zu leiten. Die Menschen zu den höchsten Stufen seines Wissens führend, reichte sein Ruhm von Sham, Irak, Persien, Türkei, Armenien bis in den Kaukasus.

  • Sheikh Khalid persönlich beauftragte ihn die Menschen zu trainieren und sie zu lehren. Jede Tat der Suchenden aufgenommen, stellte er sie anschließend die eine nach der anderen seinem Sheikh, Mawlana Khalid, vor und teilte ihm die Fragen seiner Weggefährten mit. Dann beantwortete der Sheikh selbst die Frage oder autorisierte Sheikh Ismail damit.

    Es wird überliefert: Oft sagte Sheikh Ismail zu uns: „Ich bin ein polierter Spiegel. Was immer Mawlana Khalid in mich eingraviert hat, das habe ich auf euch widergespiegelt.“ Und niemals sah er sich als etwas Besseres an.

    Als jener Tag, der Todestag des Sheikh Khalids, schließlich eingetroffen war, überkam jeden tiefste Trauer. Vor allem Sheikh Ismail ergriff schmerzvollstes Leid. Wie sollte es nunmehr weitergehen? Trotz dieses Unwetters und Bebens gelang es Sheikh Ismail, wie ein Fels in der Brandung, Standhaftigkeit zu bewahren. Jetzt rief er alle Schüler des Sheikhs zusammen und sie bekannten von neuem ihren Bund am Kleid Gottes. Schließlich erquickte er sie mit seiner Energie und beseitigte jegliche Trauer von ihnen. In die Fußstapfen seines Sheikhs stapfend, segnete und ehrte er sie und übernahm die Verantwortung ihrer Rechtleitung. So wie es der Sheikh gewünscht hatte, lehrte er sie den besten der Wege und bereitete sie auf höchstes Wissen vor. Einmal gab er preis: „Wusstet ihr etwa nicht, dass Mawlana Khalid einer von jenen war, die der Tod niemals erreichen wird? Jede Sekunde und jeden Moment sind sie an unserer Seite.“

    Nun war schließlich die Zeit gekommen, dass auch er seinen Nachfolger erwählen sollte. So reiste er in schnellem Tagesmarsch zurück in seine Heimat nach Shirwan und begann mit dem Training des Khas Muhammed. Das Licht dieses Ordens auf seinem Antlitz erkannt, sagte er: „Du wirst einer meiner Nachfolger werden.“ So sollte er einst sein Geheimnis an ihn, als auch den beiden großen Sheikhs, Sheikh Muhammed Effendi al-Yaraghi und Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni, weitergeben.

    Während seiner Rückreise in seine Heimat lehrte er den Menschen den Naqshbandi Weg und ermutigte sie zum Kampf gegen die unterdrückende Übermacht der Russen, denen jeglicher Glaube an Gott und Spiritualität zuwider war. Schnell hatte er überall Schüler angesammelt und viele unter ihnen wurden zu unerschütterlichen Kämpfern gegen die Russen. Darunter die führenden Persönlichkeiten der Bewegung, Imam Shamil ad-Daghestani und Ghazi Muhammed. 36 Jahre sollten sie der russischen Tyrannei die Stirn bieten können.

     

  • Von seinen Wundern

    Eines Tages befand sich Sheikh Ismail in einer Moschee. Plötzlich sah er einen hilflosen Armen erscheinen. Er näherte sich ihm und fragte: „Was hättest du gerne?“ Er antworte: „Ich wünsche mir warmes Brot und etwas zu essen.“ Sheikh Ismail erhob seine Hände zum Bittgebet: „O Herr, hier ist dein Diener, der seit drei Tagen nichts zu sich genommen hat. Beschere ihn mit einer Deiner Tafeln.“ Kaum war sein Gebet beendet, als ein Mann in die Moschee hineingestürmt kam: „Meine Frau ist krank und ich schwur die Bedürftigen zu versogen, auf dass sie geheilt werde. Hier habe ich warmes Brot und etwas zu essen.“

    Einer seiner Schüler in Daghestan erzählt: Einmal sagte Sheikh Ismail zu sich: „O mein Ego, ich bin sauer mit dir. Ich werde dich mit Schwierigkeiten überfallen.“ So brach er auf ins Gebirge von Shirwan und legte sich vor den Eingang einer Höhle, wo zwei Löwen lebten. Zu unserer Überraschung, wurden sie dem Sheikh zu keinem Zeitpunkt gefährlich. Ganz im Gegenteil. Der Löwe, der ein großes Stück Fleisch in seinem Maul hatte, entfernte sich von ihm, setzte sich hin und beobachtete ihn anschließend. Nun erschien die Löwin, ebenfalls mit Fleisch in ihrem Maul. Sie brüllte. So kam der Löwe zur ihr, beruhigte sie und beide betrachteten jetzt zusammen den Sheikh. Dann überließ der Löwe der Mutter die Jungen und begab sich zum Sheikh. Still gesellte er sich zu ihm und blieb an seiner Seite, bis der Sheikh ihn verließ.

    Eines Tages kam Sheikh Ismail an einem Dorf vorbei. Die Dorfbewohner, die ihn gesehen und erkannt hatten, kamen zu ihm angerannt. Darunter war auch der Sheikh des Dorfes, der ihn bat: „O Sheikh Ismail, bitte lehre uns.“ Er antwortete: „O Abu Said, Gott hat zwei Wege, auf denen Er die Menschen lehrt: einen üblichen und einen besonderen. Derjenige, den du anwendest, gehört zu den üblichen. Willst du einmal von dem besonderem erfahren, so begleite mich.“ Der Sheikh mit seinen Schülern folgte ihm und sie kamen an ein Flussufer. Nun sagte er: „Dies ist der Weg Gottes,“ lief über das Wasser und verschwand.

    Sheikh Abdur Rahman ad-Daghestani berichtet: Einmal wohnte ich einer großen Gruppe bei. Wir sahen wie sich uns Sheikh Ismail mit einem Wollkleid und neuen Schuhen nährte. Ich sagte zu mir: „Dieser Sheikh Ismail ist ein wahrhaftiger Sufi Sheikh. Ich werde zu ihm gehen und ihn mit schwierigen Fragen konfrontieren um zu sehen ob er sie beantworten kann.“ Auf einmal sagte er: „ O Abdur Rahman, Gott hat es uns im Heiligen Quran verboten schlechte Gedanken zu hegen. Was du vorhast zeugt nicht von respektvollem Handeln.“

  • Ich war erstaunt: „Was für ein Wunder! Das ist großartig! Wie konnte er von meiner Frage wissen und woher kannte er meinen Namen? Ich muss ihm folgen, so dass ich ihn mehr fragen kann.“ Ich rannte zu ihm, er war jedoch verschwunden.

    Eines Tages sah ich ihn in einem Dorf. Er war gerade beim Gebet. Von seinen Augen flossen Tränen. Als er das Gebet vollendet hatte, lief ich zu ihm und ich wollte mich bei ihm für letztes Mal entschuldigen. Auf mich blickend, sagte er: „Rezitiere den Vers ‚Zweifellos, Ich bin Jener, Der immer und immer wieder vergibt, jenen die bereuen, glauben und Rechtes verrichten; jenen, die bereit sind wahre Rechtleitung zu empfangen.’ (20:82)“

    Dann ging er weiter. Ich dachte, er sei sicherlich einer der Stellvertreter der spirituellen Pole. Und dies war das zweite Mal, dass er meine Gedanken hatte lesen können.“

    Noch am selben Tag kam ich später auf meinem Rückweg wieder an jenem Dorf vorbei und ich sah ihn neben einem Brunnen mit einem Becher in seiner Hand. Gerade wollte er von dem Brunnen schöpfen. Während ich ihn jedoch beobachtete, fiel sein Becher in den Brunnen. Dann sah ich, wie er seine Hände in den Himmel hob und betete: „O Gott, ich bin durstig und das Wasser ist meine einzige Nahrung. O mein Herr, Du kennst mein Herz und Du weißt, dass ich durstig bin.“ Wahrlich bei Gottes Allmacht, es verstrich nicht eine Sekunde nach seinem Gebet und der Brunnen füllte sich, sodass das Wasser sogar überschwappte und somit auch sein Becher erschien. Jetzt nahm er den Becher und stillte seinen Durst. Dann wusch er sich und verrichte vier Gebetseinheiten. Schließlich vermischte er Sand mit dem Wasser und rührte es mit seinem Finger um. Danach setzte er sich hin und nahm von dieser Mixtur zu sich. Ich näherte mich ihm und fragte: „O Sheikh Ismail, lass mich mit dir essen. Was hast du da, Erde?“ Daraufhin erwiderte er: „O Abdur Rahman, bewahre deine guten Gedanken, die dir Gott geschenkt hat.“ Sogleich gab er mir seinen Becher und ließ mich davon kosten. Es war Wasser mit Honig. Ich schwöre bei Gott, dass ich in meinem ganzen Leben niemals etwas Vergleichbares gekostet hatte. Noch nach vielen Tagen verblieb jener süßliche Geschmack, der mich voll und ganz gesättigt hatte, in meinem Mund.

    Sheikh Muhammed Daghestani sagte: ”Einmal begab ich mich zu Sheikh Ismail ash-Shirwani. Seine Hände geküsst, bat ich ihn darum, ihn auf einer seiner Reisen begleiten zu dürfen. So gewährte er mir die Ehre mit ihm zwei Tage zu verbringen. Während diesen beiden Tagen, hatte ich ihn nicht ein einzigs Mal etwas zu sich nehmen sehen. Wohingegen ich jedoch sehr hungrig und durstig wurde. Stetig verschlechterte sich mein Zustand.

  • Schließlich sagte ich: „O mein Sheikh, ich bin so schwach.“ Er antwortete: „Bist du hungrig oder durstig?“ Ich sagte: „Ja, beides.“ Daraufhin erwiderte er: „Dann gebührt dir meine Gesellschaft nicht. Schließe nun deine Augen.“ Ich tat, was er sagte und als ich meine Augen wieder geöffnet hatte, war ich bei mir zu Hause.“

    Sein Ableben

    Sheikh Ismail ash-Shirwani verstarb am 10en des Dhul-Hijja, einem Mittwoch im Jahre 1225 n.H. / 1840 n.Chr., und wurde in Amasya begraben. Das Geheimnis der Goldenen Kette vertraute er seinen drei Kalifen an. So sollten sein Erbe, wie es damals auch bei Shah Naqshband der Fall gewesen war, gleich mehrere antreten. Jedoch gilt eine Unterscheidung zu treffen, denn Shah Naqshband übergab das ganze Geheimnis nur einem, nämlich dem Alauddin al-Attar. Wohingegen Sheikh Ismail diesen Schatz der Goldenen Kette an Sheikh Khas Muhammed ash-Shirwani, Sheikh Muhammed Efendi al-Yaraghi al-Kurali und an Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni weitergab.

    Sheikh Ismail informierte seine drei Kalifen über ihre Zukunft: Euch dreien auf einmal soll das Geheimnis dieses Ordens anvertraut werden und zwar auf Wunsch des Propheten (sav), des Abd al-Khaliq al-Ghujdawani, des Shah Naqshband und auf Anliegen meines Sheikhs, Khalid al-Baghdadi, und der Spiritualität des Uways al-Qarani . Jedem von euch soll das Geheimnis, wie auch die Kraft dieses Ordens zuteil werden. Jedoch werdet ihr nach einander den Thron der Rechtleitung besteigen. Anfangs soll es dem Sheikh Khas Muhammed Shirwani gewährt sein. Dann dem Muhammed Efendi al-Yaraghi al-Kurali und schließlich dem Sayyid Jamaluddin al-Ghumuqi al-Husayni.

    Somit waren diese Worte auch eine Art Vorhersage der Todeszeitpunkte seiner drei Nachfolger.

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