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Die Liebe des Hirten

Destur ya Sultan meded:

 

Die Wahrheit gleicht einer göttlichen Schatztruhe voller Geheimnisse. Öffnet man sie, so kommt stets eine noch größere und einzigartigere Schatztruhe, die gefüllt ist mit immer neuen Geheimnissen, aus ihr hervor. Wenn der erhabene Hüter der Geheimnisse, der Allmächtige Gott, ein Geheimnis lüftet, so entsteht ein neues Geheimnis, das gelüftet zu werden bedarf - endlose Geheimnisse hinter Geheimnissen.

 

Es ist notwendig, dass dies so ist. Denn der Mensch langweilt sich schnell. Deshalb braucht der Mensch immer neue Aufregungen. Und jeder von uns weiß, dass jede geschlossene Schatztruhe bzw. jedes verborgene Geheimnis Neugier und Aufregung im Menschen erweckt. Und schöne Aufregungen sind die Freuden des Lebens.

 

Die Aufregung ist ein Gefühl und sie ist an Ereignisse gebunden. Würden nicht jeden Augenblick neue Ereignisse erschaffen, so hätten wir niemals dieses Gefühl der Aufregung gekannt. Folglich hängt das Gefühl der Aufregung von den Ereignissen ab und die Ereignisse ihrerseits von den Wünschen. Gäbe es den Wunsch nicht, so könnte sich niemals ein Ereignis manifestieren, denn bevor etwas sein kann muss man es erst einmal wollen.

 

Existiert eben dieser Wunsch und dieses Verlangen nicht, so tritt der Wille, der dieses Ereignis erschaffen wird, nicht in Erscheinung. Wird zum Beispiel derjenige, der nichts will, für irgendetwas seinen Finger krümmen? Oder ein anderes Beispiel: steht derjenige, der schon gar nicht erst beabsichtigt sich überhaupt irgendwie zu rühren, urplötzlich zum Tanzen auf.

 

Die Menschen fragen mich: "Was ist die Seele?"

 

Und ich sage: Die Seele, ist das Verlangen gegenüber einer Sache, von der man sich wünscht, dass sie in Erscheinung tritt. Gäbe es diese Seele nicht, so fände nichts Existenz.

 

Daher sagte der Allmächtige: Erst liebte Ich, dann wünschte Ich und dann erschuf Ich. Und zweifellos werde Ich meine Geliebten auf die Probe stellen und beobachten, ob auch sie mich so sehr lieben wie Ich sie.

 

Man fragte einen der Großen: "Was ist der größte Schatz, den die Schöpfung in ihrer Brust trägt?"

 

"Es ist die Liebe", sagte er.

 

Denn die wahre Liebe gleicht einem Schatz und wird verborgen. Für diesen Schatz bedarf es des Verdienstes und der Selbstaufopferung. Folglich vertraut man ihn nicht jedem an.

 

Nun, was ist Liebe?

 

Liebe bedeutet für den Geliebten auch sterben zu können. Liebe heißt angesichts des Geliebten auf alle Vergnügungen, Genüsse, Gewohnheiten und Freundschaften verzichten zu können.

 

Liebe ist um des Geliebten Willen den Schwierigkeiten, der Bedrückung, dem Leid, der Qual und der Armut standzuhalten. Liebe bedeutet die Bereitschaft auf dem Weg zum Geliebten völlig zu entwerden.

 

Liebe ist ein göttliches Geheimnis. Nur der Liebende kennt sie und sie wird nur demjenigen beschert, der in seinem ganzen Wesen mit all seinen Zellen aufrichtig und vertrauenswürdig ist.

 

Denke nicht, die Liebe sei etwas billiges. Wäre sie billig, wären dann ihretwegen so viele Menschen gestorben? So viele Leben opferten sich allein der körperlichen Liebe Willen, was glaubst du, wie es wohl mit der wahren Liebe ist?

 

Wahre Liebe bedeutet, sich von seinem Charakter und seinem Naturellen und im ganzen Sinne sich von seiner Selbst auszuziehen. Denn zieht der Mensch sich nicht von seiner Selbst aus, so kann er sich nicht erkennen. Dies ist vergleichbar damit, dass der Mensch sich selbst im Spiegel betrachtet.

 

Nun, was macht der wahre Liebende?

 

Der Liebende wird seinen Geliebten auf unterschiedlichste Art und Weise prüfen, um seiner Liebe sicher zu werden. Hast du jemals gehört, dass die Queen die Schlüssel für die Schätze im Buckingham Palace wahllos irgendjemandem auf der Straße gegeben hat? Vertraut man die Schätze etwa gleich dem ersten, dem man begegnet, an?

 

Nein! Kein Schatz wird jemandem willkürlich gegeben, bevor nicht seine Aufrichtigkeit, seine Fähigkeit und seine Verdienste auf die Probe gestellt wurden. So etwas würde noch nicht einmal einer der Dummdreisten machen, geschweige denn ein vernünftiger Mensch.

 

Die wahre Liebe und die wahre Zuneigung sind unsterblich und sind der größte Schatz. Sie ist solch ein erhabener Schatz die Liebe, dass sie das nicht Dagewesene in Erscheinung brachte und der ganzen Schöpfung als der Quell des Lebens dient.

 

Die ganze Schöpfung trinkt jeden Moment von dieser Quelle und erhält durch sie ihr Dasein. Sollte ihr nur für einen Moment ein Schluck von dieser Quelle entbehrt bleiben, so bedeutete dies ihr Ende.

 

Vor einiger Zeit, stieß ich einmal auf eine Fernsehsendung. In dieser Sendung ging es um ein Liebespaar, das ihre Liebe gegenseitig auf die Probe stellte und wer seine Vertrauenswürdigkeit bewies, dem wurde vom Geliebten bzw. von der Geliebten die Ehe bis in alle Ewigkeit angeboten.

 

Wie wurde der Geliebte bzw. die Geliebte auf die Probe gestellt?

 

Man brachte zum Beispiel den Geliebten mit einer bezaubernden Frau zusammen und die Geliebte beobachtete ihn von weitem, oder umgekehrt. Wird die Person, mit der man vor hat ein ganzes Leben zu teilen, sich verführen lassen oder nicht? In dieser Sendung wurde die Verführerin bzw. der Verführer von der neidenden Person selbst mit Geld engagiert. Seine Aufgabe war es im Namen der liebenden Person den Partner zu umschmeicheln und zu verführen.

 

Als ich diese Sendung sah, war ich verblüfft. Wie kamen jene Fernsehleute bloß auf diese erstaunliche Idee? Denn schaut man mit Wissen und Weisheit, dann ist jede Person in dieser Sendung ein geöffnetes Fenster. Und der Mensch kann endlose göttliche Bedeutungen, die sich von diesem Fenster offenbaren, beobachten.

 

Der Allmächtige sagt: „O ihr Menschen, nur auf diese Weise und nur wenn ihr dies liebt werdet ihr wahre Liebe erlangen.“

 

Wenn ihr jedoch euer Herz ständig einem anderen schenkt und eure Begierden, die euch von der göttlichen Liebe gegeben wurden, in falschen Liebesbeziehungen auslebt, so mag euch eines Tages der Schlag treffen und euch verbrennen, passt auf, gebietet der Herr und lehrt uns die geheimen Wege des wahrhaftigen Liebens.

 

Heute fragen viele Menschen: "Wenn uns Gott doch geliebt und erschaffen hat, warum plagte Er uns dann mit dem Ego und dem Teufel? Tut dies etwa ein Liebender seinem Geliebten an? Was ist das für eine Liebe", fragen sie.

 

Denkt doch erst einmal nach, antworte ich ihnen. Kannst du demjenigen, mit dem du wünschst ein ganzes Leben zu verbringen und dein ganzes Hab und Gut zu teilen, vertrauen, bevor du nicht seiner Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit sicher wurdest? Wäre dies vernünftig?

 

Wenn du nicht einmal so etwas tun würdest, was denkst du dann von deinem Allmächtigen Herrn, dem einzig wahren Hüter aller Schätze? Komm, sagt Er, lass Mich dir Meine Nähe geben. Komm, sagt Er, lass Mich dir Meine Ermächtigung geben, auf dass du in Meinem Namen über Mein Reich herrschest.

 

Komm, sagt Er, lass Mich dir von Geheimnissen erzählen, die nur Ich kenne. Lass Mich mit dir Meine Geheimnisse teilen. Du brauchst nur zu kommen. Es gibt nur diese eine Bedingung!

 

O Mensch, du musst dich den Prüfungen unterziehen. Du musst verschiedene Tests hinter dich bringen und unüberwindbare Hindernisse überspringen. Auch wenn die Geduld schon übergelaufen ist, so musst du weiterhin erdulden. Solltest du ins Feuer geworfen werden, so werde zu Wasser und verdampfe.

 

Du darfst dich nicht den falschen Verführungen und Einflüssen hinreißen lassen, du musst deinen inneren Schweinehund besiegen, so dass du fortan einer unerschütterlichen Festung gleichst und unbeugsam aufrichtig bist. Dies ist keineswegs einfach!

 

Wo es doch so schwer ist König dieser Welt zu werden, so ist es nicht jedermann gewachsen, König der ganzen Schöpfung zu werden. Du musst wie die Gladiatoren auf die Arena steigen und mit hungrigen Bestien ringen. Und jede Bestie musst du eigenhändig einzeln erwürgen. Ist dies etwa einfach?

 

Daher reicht uns Gott Seine Hand und öffnet uns Seine Arme. Er lässt uns nicht im Stich bei unseren Prüfungen. Darüber hinaus, sandte Er uns die Propheten und Seine Freunde, auf dass sie uns unterstützen und uns den Weg ebnen.

 

Sie lehren uns sowohl welche Maßnahmen wir gegen die Fallen des Lebens ergreifen müssen als auch das Wissen und die Wege, dem Herrn, der uns liebte und erschuf, nahe zu sein und Sein Vertrauen zu gewinnen.

 

Denn all die Spiele unseres Teufels und unseres Egos sind in Wahrheit Prüfungen jenes größten Geliebten gegenüber uns. Nicht damit Er es weiß, sondern damit wir wissen, ob wir Ihn wahrhaft lieben oder nicht. Ob wir jene göttliche Liebe erwidern oder nicht.

 

Eine kleine Geschichte: Eines Tages ging Moses – Friede sei über ihm – umher, und sah einen Hirten mit sich selbst reden.

 

Der Hirte wiederholte ständig folgende Worte: "O Herr Du, der Besitzer der reinsten und endlosen und unerschöpflichen Liebe! Wo bist du bloß, dass ich Dir ein Diener sein und Dir Deine Sandalen flicken, Deine Haare kämmen, Deine Wäsche waschen und Dir Deine Läuse entfernen kann.

 

Erhabener Gott, zeige Dich, damit ich Dir Milch anbieten kann. Damit ich Dir Deine Hand küssen und Deine Füße massieren kann. Und Dich zudecken kann, wenn Deine Schlafenszeit gekommen ist.

 

O Du Herr der Liebenden! Möge Dir all mein Hab und Gut gehören. All meine Gedichte, Lieder und Sehnsüchte sind für Dich. Erwidere doch nur einmal meine Liebe."

 

Als Moses – Friede sei über ihm – beobachtete wie der Hirte weiter so dahin phantasierte, hielt er es nicht mehr aus und fragte: „O Hirte, mit wem sprichst du da?“

 

Der Hirte antwortete naiv: „Wer könnte es denn schon anderes sein? Verzweifelt an der gnadenlosen Liebe, spreche ich mit dem Schöpfer dieser Erde und der Himmel, die ein Werk Seiner göttlichen Liebe sind.“

 

Daraufhin war Moses – Friede sei über ihm – sehr erzürnt: „O Hirte, was für eine verrückte Person du doch bist. Bevor du überhaupt den Glauben erlangt hast bist du bereits in den Abgrund des Unglaubens gefallen.

 

Was sind das für unsinnige Worte, die du da von dir gibst. Was für ein Unglaube. Was für ein Unding.

 

Stopfe sofort deine Schuhe in den Mund, auf dass sich der widerliche Gestank deines Unglaubens nicht in die Welt verbreitet. Ich befürchte, dass denjenigen, der solch einen Schwachsinn von sich gibt, das Feuer ereilt und einäschert.

 

Weißt du denn nicht dass Gott erhaben ist über solche Bedürfnisse wie das Flicken der Sandelen, das Trinken von Milch und das Entfernen der Läuse. Was glaubst du mit wem du da redest, du Dummkopf!

 

Gott ist erhaben über jegliche Form und jegliches Bedürfnis. Nur das Geschöpf, das wächst und reift, bedarf der Milch. Und nur derjenige, der Füße hat verspürt das Bedürfnis Sandalen zu tragen. Sei nicht unverschämt, damit dich das Feuer nicht ereilt."

 

Nach dieser Zurechtweisung Mose – Friede sei über ihm -, fing der Hirte an zu jammern: „O Moses, du hast mir alles, womit ich meine innigste Liebe ausdrückte, verboten. Wie soll ich denn nun meine Liebe ausdrücken.“ Vor Trauer seine Kleider vom Leib gerissen, zog der Hirte gesenkten Hauptes in die Wüste.

 

Daraufhin wurde Moses von Gott folgendes offenbart: „O Moses! Warum hast du unseren verliebten Diener vertrieben. Ist deine Aufgabe etwa die Menschen zu Uns zu geleiten oder sie zu vertreiben?

 

Wisse, dass Ich die Trennung am meisten verabscheue. Ich gab jedem ein ihm eigenes Wesen und ein ihm eigenes Verständnisvermögen. Folglich versteht und lebt jeder sein Leben gemäß seiner eigenen Fähigkeit.

 

Für den Hirten waren seine Worte die schönsten Lobeshymnen, für dich waren sie Beleidigungen.

 

Was für ihn Honig ist, ist für dich Gift. Denn dein Verständnis der Wahrheit ist ein anderes und sein Verständnis ist ein anderes.

 

Was einzig und allein zählt sind die Absichten der Menschen. Dass dieser Diener sich Meiner auf diese Art und Weise, also in seiner Sprache, erinnert hat, versieht Mich nicht mit Mängeln. Denn Ich bin sowohl über das Reine als auch das Dreckige erhaben. Für mich gilt keine Schwierigkeit und keine Leichtigkeit!

 

O Moses, wisse, dass wir nicht auf das Wort, sondern auf das Herz schauen. Es ist entscheidend ob das Herz aufrichtig ist, nicht ob die Worte mangelhaft sind. Wir achten nicht aufs Äußere, sondern aufs Innere.

 

O Moses, die Vernünftigen, die das Diesseits und Jenseits im Gleichgewicht halten, gehören zu einer Kategorie, und die Verrückten, deren Seelen in der Liebe entbrannt sind, gehören zu einer anderen.

 

Was einzig und allein zählt ist, dass der Mensch seinen Schöpfer reinen Herzens liebt. Denn für die wahren Liebenden steckt in jedem Atem eine Barmherzigkeit. Selbst wenn sie fehlerhafte Worte sagen, so wirf ihnen dies nicht an den Kopf und sag nicht es sei falsch.

 

Wisse, dass diese falschen Worte des Hirten, mir lieber als tausend richtige Worte sind.

 

Gibt es in der Kaaba ein Anzeichen für die Gebetsrichtung? Nein. Denn in der Kaaba lösen sich alle Richtungen auf. Es existiert dann nur noch die Kaaba.

 

Die Gesetze der Liebe haben in allen Religionen eine besondere Stellung. Das Gesetz und die Lehre der Liebenden ist Gott. Renne los und finde den Hirten und gewinne sein Herz wieder. Denn unser Blick ruht auf seinem Herzen, wer ihm ein Freund ist, ist auch Uns ein Freund."

 

Nachdem Moses – Friede sei über ihm – diesen Rüffel bekommen hatte, stürzte er in die Wüsten und suchte den Hirten.

 

Schließlich fand er ihn und sagte: „Frohe Botschaft dir, o Hirte! Gott hat dir die Erlaubnis gegeben. Dein betrübtes Herz darf von nun an alles sagen, was es beliebt! Dein Unglaube, ist die Religion. Und deine Religion ist der Liebestrunk."

 

Siehe, wie die Liebe der wahren Liebenden die Propheten in die Wüsten trieb und den großen Moses – Friede sei über ihm – einem Hirten hinterher rennen ließ.

 

Der Mensch bedarf der Orte wie hier, die ihm von der wahren Liebe berichten. Denn die Konversationen, deren Quell die Liebe ist, erfreuen und erholen die Seele und verlängern das Leben.

 

Wenn der Körper sich durch den Schlaf erholt, so erholt sich die Seele durch die Liebe, Denn die Seele entsprang der Liebe.