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Offener Brief des Vereines »Der Wahre Mensch e.V.« als Beitrag für die Deutsche Islam Konferenz

An die Verantwortlichen der deutschen Regierung
Sheikh Eşref Efendi | Berlin,  24.06.2008

 

Die Fragen, die sich für Manchen stellen, sind: „Wo bin ich geboren, wo komme ich her, wo bin ich zuhause, wo habe ich mein Auskommen?“

Diesen Fragen liegt Weisheit zu Grunde. Für den Menschen ist nicht der Ort seiner Abstammung von entscheidender Bedeutung, sondern jener Ort, an dem er sein Auskommen hat. So gesehen ist Deutschland unsere Heimat – das Land, in dem wir leben und unser eigenes Sein bestimmen.

 

Loyalität und Verbundenheit gehören zu den Tugenden eines Menschen. Das Verhältnis zu seinen Nachbarn zeichnet einen Menschen aus. Ein ausgezeichneter Mensch ist somit jeder, der seinen Mitmenschen zu dienen vermag und jeder, der seinen Mitmenschen mit einem Lächeln begegnet. Dadurch wird ein Jeder ehrwürdig und erhaben und verdient Achtung. In der Vergangenheit sind die muslimischen Türken stets von Osten in Richtung Westen gezogen. Und überall, wo sie hinkamen, brachten sie mehr Freundschaft, mehr Frieden und mehr Menschlichkeit mit. Sie haben die Menschen, mit denen sie zusammenlebten, gut behandelt und waren ihnen gute Nachbarn.

 

Dies sind Tatsachen, die heute sowohl von Orientalisten, als auch und vor allem von westlichen Historikern bekundet werden. Wenn wir nun das Hier und Jetzt betrachten, stellen wir fest, dass in Deutschland eine türkische und muslimische Bevölkerungsgruppe verwurzelt ist. Sie sind die heutigen Enkel jener muslimischen Türken, die für ein friedliches Zusammenleben ein Höchstmaß an Toleranz, Menschlichkeit, Loyalität, Verbundenheit und Kompromissfähigkeit bereits erreicht hatten.

 

Unser Wort richten wir daher nun an die heute in Deutschland lebenden Enkel jener aufgeschlossenen Ahnen ihrer Vergangenheit:
Kommt, seid so wie Jene, leistet auch Ihr einen Beitrag für die Menschen mit denen Ihr zusammenlebt. Tut alles, was Ihr könnt, damit diese Heimat erstarken möge. Zeigt noch mehr von Eurer freundschaftlichen Hingabe, damit sich das gemeinsame Leben in dieser Heimat verschönert. Dies sind Eure Tugenden, sie sind das Erbe unserer Vorväter und Vormütter und wir haben nicht den Luxus, diese Tugenden anderen Menschen vorzuenthalten. Auch weiterhin einen Beitrag zur Förderung der wirtschaftlichen Kräfte in Deutschland zu leisten, ist zum Wohle Aller in diesem Land.

 

Die Menschen in Deutschland werden Euer Engagement schätzen und Euch wohlwollender begegnen. Wir werden mehr Anerkennung finden und es wird nicht mehr so schwer fallen, unsere guten und unsere schönen Seiten bekannter zu machen. Denn unsere wesentlichste Aufgabe ist es, Güte und Schönheit zu verbreiten. Diese Aufgabe dürfen wir nicht vergessen. Der Weg der Mystik, Tasavvuf genannt, hat schon über 1000 Jahre hinweg Einfluss auf unsere Sitten und Gebräuche. Als Ergebnis dessen sind wir heute eine aufgeschlossene, freundliche, umgängliche, dem Recht und Gesetz verbundene Volksgemeinschaft.

 

Diesem Weg der Mystik wenden nun auch die Deutschen mehr und mehr ihre Aufmerksamkeit zu. Sie erfragen und erforschen ihn, sie sind wissbegierig und sie machen schnell große Fortschritte, diesen Weg als eine Lebensart anzunehmen. Was wir an diesem Punkt tun müssen ist, uns über unser Erbe Gewahr zu werden, es anzunehmen, es vorzuleben und somit unsere Nachbarn zu unterstützen, die sich bemühen, auf diesem Wege voranzuschreiten.

 

Wenn wir Harmonie und Frieden wollen, müssen wir diese Aufgabe annehmen. Doch wie steht es nun mit unseren Nachbarn? Also mit den Deutschen, als dem Wesenselement dieser Heimat – die, denen dieses Land gehört? Was obliegt ihnen? Was sollten sie nun tun? Fatih Sultan Mehmed Khan, für manche der bedeutendste Padischah der Osmanen, hat sich nicht gescheut, das Römische Reich als Vorbild zu nehmen. Das in die Menschheitsgeschichte als großes Imperium eingegangene Römische Reich, war Anlass seiner Studien und Untersuchungen, als deren Ergebnis er die brauchbaren und nützlichen Seiten zu übernehmen und anzuwenden wusste.

 

Jener bedeutende Padischah prägte einst den Ausspruch: „Tradition ist das, was schön und richtig ist. Das Schöne und Richtige ist Tradition.“

Bei der Anwendung des Übernommenen, des Schönen und Richtigen, war es ihm nicht wichtig, zu sagen, das ist nicht von mir, oder festzustellen, das ist von den anderen. Er übernahm das Bewährte, das Brauchbare, und wandte es an, sowohl im Bildungs- und Sozialwesen als auch in militärischen Bereichen. Fatih Sultan Mehmed Khan ist für jeden ein Beispiel, der nach Vernunft und Verstand verlangt.

 

Die ihn ernst nehmen sollten, sind insbesondere jene, die staatsmännisch die Geschicke Deutschlands zu verantworten haben. Also alle, die Deutschland regieren und verwalten. Alle Welt will wissen wie es sein konnte, dass die Osmanen es über 700 Jahre hinweg schafften, so viele Völker, Länder, Religionen und Konfessionen auf 3 Kontinenten zusammenleben zu lassen. Noch immer suchen sie dafür nach einer Erklärung. Um das zu verstehen, musst Du es selbst anwenden. Sobald Du es anwendest, wirst Du es erfahren und über Erfahrung verfügen. Es nur zu studieren und in der Theorie zu belassen bringt keinen Nutzen. Du musst es praktizieren. Fatih nahm es an und praktizierte es.

 

Oh Europa! Mach es so wie er! Er probierte etwas, was Du hattest, wandte es an und erfuhr durch Erfahrung. Im Ergebnis war er imstande 72 Völker, teils miteinander, teils nebeneinander, aber in Harmonie, Ruhe und Frieden zusammen leben zu lassen. Die Osmanen scheuten sich nicht, Bewährtes selbst auszuprobieren. Die Osmanen schützten die Sprache der Byzantiner, ihren Glauben, ihre Kirche. Sie halfen ihnen mit materieller Unterstützung, sie gaben ihnen Geld.

 

Der Osmane sah die Vielfalt als Bereicherung und Reichtum an. Er sah in ihnen einen Segen. Und er wollte nicht, dass Werte wie diese verlorengehen. Die unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Sprachen betrachtete der Osmane als Voraussetzung für mentale Bereicherung und Glück im eigenen Territorium. Auch heute noch wird beispielsweise die oströmisch-griechische Sprache gesprochen. Hätten die Osmanen dies nicht ermöglicht und gefördert, oder es anders gewollt, gäbe es diese Sprache heute nicht mehr. Die hellenistische Kultur wäre von der Bildfläche verschwunden und ein für allemal verloren.

 

Doch die Osmanen wünschten auf ihrem Boden keine Tumulte und sie wollten kein Blutvergießen. Sie wollten nicht, dass sich die Menschen unglücklich fühlen. Sie wollten, dass die Menschen ein Mitspracherecht und freie Meinungsäußerung in der Selbstverwaltung haben. Das ist der Grund, weswegen die Osmanen die autonome Handhabung von Glaubensfragen, sowie Sprach- und Religionserziehung nicht nur gestatteten, sondern sie auch gezielt förderten. Die Osmanen waren sich einer Tatsache absolut bewusst: regieren heißt zufrieden stellen.

 

Über den, der nicht zufriedenstellen kann, wird niemand sagen, dass er regieren kann. Man wird ihn als jemanden bezeichnen, der nicht regieren kann. Die Osmanen wussten über 700 Jahre hinweg zu regieren, d.h. sie wussten zufriedenzustellen. Oh Deutschland! Wir sehen und betrachten. Auch Du möchtest Menschen zufrieden sehen. Du bringst Gesetze heraus und neue Ideen hervor und stellst diese Ideen in die öffentliche Diskussion. Sprachen, Glaubensrichtungen, Ideen und Philosophien von unterschiedlichen Gemeinschaften können Tür und Tor sein für vielerlei Schönheiten, die sich vor Dir auftun.

 

Vielleicht werden sie Dich dazu inspirieren, noch bessere Dinge zu vollbringen, vielleicht erweitern sie Deinen Horizont. Sie sorgen vielleicht dafür, dass Du Dich weiter fort entwickelst, sowohl auf sozialer und humaner Ebene, als auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Deshalb unsere Empfehlung: Nutze die in Deinem Land lebenden ausländischen Potentiale und schaffe Möglichkeiten der Entfaltung für sie! Die Osmanen gaben nicht nur den eigenen Leuten allein dieses Recht auf Entfaltung. Nein, sie schufen Möglichkeiten und Erleichterungen auch für die auf ihrem Boden lebenden Ausländer. Diese Rechte wurden ihnen verbrieft. Sie mühten sich darum, die zufriedenzustellen, die als Gäste zu ihnen kamen.

 

Die Zufriedengestellten tun wiederum selbstverständlich alles ihnen mögliche, jene zufriedenzustellen, die sie zufriedenstellten.

Dialog ist sehr wichtig. Und genau hierin liegt das Problem. Wenn der Dialog zwischen dem Hausherren und den anderen Bewohnern im Hause abreißt, wird das, was der andere scheinbar denkt, zur Mutmaßung und dies ist unweigerlich der Beginn von Vorurteilen. Vorurteile sind wie Gift. Sie bemächtigen sich des Geistes und verzehren sowohl den Eigner als auch sein Gegenüber. Vorurteile nagen den Menschen bis zur Unkenntlichkeit ab.

 

Untersuchungen zeigen, dass die in Deutschland lebenden Ausländer sich als eine Parallelgesellschaft entwickeln. Dies wird keine guten Folgen haben. Inmitten der Deutschen, jedoch fernab von ihnen zu sein, wird die Ausländer kränken und sie betrüben. Und die Deutschen werden für die mitten unter ihnen als eine in sich geschlossene Gruppe lebenden Menschen keine lobenden, sondern eher beschimpfenden Worte übrig haben.

 

Dem Menschen fremd zu sein nährt Vorurteile – Vorurteile nähren das Unbehagen – das Unbehagen nährt die Verunglimpfung – die Verunglimpfung führt zur Gewalt. Dem muss unverzüglich vorgebeugt und Einhalt geboten werden. Um den Anderen besser kennen zu lernen , müssen die Seiten daher zusammenkommen, einander begegnen, Meinungen und Ideen einander vorstellen und austauschen. Unternehmungen, die in dieser Richtung tätig sein wollen, müssen gefördert und Gemeinschaften geschaffen werden. Auf diese Weise entsteht ein Umfeld für die Entwicklung des Dialogs, die Probleme werden schneller gelöst und Vorurteile verschwinden.

 

Der Mensch fürchtet sich vor dem, das er nicht kennt. Das Übel, das Du kennst, gibt Dir größeres Vertrauen, als das Gute, das Du nicht kennst. Das die Seiten sich kennen, bringt gleich mehrere erstrebenswerte Ziele mit sich: trotz möglicherweise unüberbrückbarer Einzelpunkte, verspricht es ein besseres Miteinander, mehr Zufriedenheit und mehr individuelle und soziale Harmonie. Der wichtigste Punkt an dieser Stelle wird sein: Nicht das zu verunglimpfen, nicht das zu beschimpfen, das Menschen lieben, woran sie hängen – ihren Glauben! Allah, der Herr gibt es so vor: »Sprich zu Ihnen `Dein Glaube Dir und mein Glaube mir`«!

 

Das der Glaube anders sein darf, ist legitim. Das ist möglich – würde doch dies zu verbieten, den größten aller Fehler gebären! Doch das Bestimmen der Gemeinsamkeit, bzw. des „größten gemeinsamen Nenners“, wird zu unerschütterlichen Freundschaften führen können.

Unsere Gemeinsamkeit ist der Staat in dem wir leben, seine Regeln und seine Ordnung. Diese Gesetze und diese Ordnung hat jeder einzuhalten. Er muss sie einhalten; denn auch wenn der Glaube ein anderer ist, ist es doch der gleiche Staat in dem wir leben.

 

Im Glauben kann es keinen Zwang geben. Denn keiner kann über die Herzen regieren. Dennoch bedarf es einer Disziplin für den gelebten Alltag, um einen Lebenswandel führen zu können, der den Gesetzen und Bestimmungen des Staates, in dem man lebt, entspricht. Wichtig ist nur, dass diese Disziplin dem Recht auf Religions- und Glaubensfreiheit entsprechend umgesetzt wird. Die Osmanen haben es bewiesen. Sie haben aufgezeigt, dass viele verschiedene Nationen, Religionen und Ansichten tatsächlich friedlich miteinander leben können.

 

Warum sollte das nicht wiederholt werden können? Respekt und Liebe müssen als Maßstab genommen werden. Menschen sollten nicht kontaktlos leben und keine Scheu voreinander haben. Lassen Sie uns zusammenkommen, Versammlungen abhalten, Konferenzen organisieren, Seminare veranstalten. Lassen sie uns das Schöne gemeinsam hervorbringen. Lassen Sie uns gegenseitig nicht unsere hässlichen, sondern eher unsere schönen Seiten betrachten. Dies ist die am Besten anzuwendende psychologische Methode für die Seele des Menschen. Zu sagen „Ich bin schöner als Du“ wird nur Verdruss und Ablehnung bewirken. Zu sagen „An Dir ist etwas Besonderes, etwas Schönes das ich nicht habe“, wird hingegen zum Dialog und zur Freundschaft entscheidend beitragen.

 

Die von uns so hochgelobte osmanische Staatsordnung hat es verstanden, einem Ozean gleich, von allem Leben in ihrem Organismus zu profitieren, denen sie selbst Leben ermöglichte. Sie nutzte die Ideen, Erfahrungen, Kulturen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, ermutigte und förderte sie, den osmanischen Staat gemeinsam am Gipfel und am Leben zu halten. Die Osmanen trachteten immer danach, das Ideal zu finden. Sie strebten nach Perfektion und gingen dabei soweit sie gehen konnten und gekommen sind.

 

Ihre Frage war stets „Liegt das für uns ideal Schöne mehr in diesen Dingen oder eher in jenen dort?“ Jenes Streben des osmanischen Reiches nach Ideallösungen wurde zur Inspiration für das preußische Reich, dass es den von ihm hochgeschätzten Osmanen gleich tun wollte. Es schlug den gleichen Weg ein und öffnete seine Tore ausländischen Kräften und ersann Möglichkeiten, von ihren guten Seiten Nutzen zu ziehen. So sagte denn auch der preußische König Friedrich II., oder mit anderem Namen Friedrich der Große, diesen berühmten Satz: „Wenn die Türken kämen und sich in meinem Land niederließen, würde ich ihnen Moscheen errichten.“

 

Er beließ es nicht nur beim Wort. So, wie die Osmanen Kirchen errichten ließ, weil sie als Gebetshäuser einer anderen Glaubensgruppe betrachtet wurden, lies auch König Friedrich II., eine Moschee als Gebetshaus einer anderen Glaubensgruppe errichten. Er ging den Weg der Osmanen. Das Ziel Preußens war, ein Weltimperium in der Qualität des osmanischen Reiches zu werden und dabei eine gerechte Ordnung zu errichten. Deshalb machte sich Preußen auf, den Weg der Osmanen zu gehen.

 

Heutzutage sind es die Vereinigten Staaten von Amerika, die diesen Weg gehen. Das Glück, dass in der Vergangenheit den Osmanen beschert war, liegt jetzt auch auf Deutschland. Die Vertreter jenes Verständnisses, die maßgeblich zum Wachstum des osmanischen Reiches beigetragen haben, leben heute in Deutschland. Sie werden sich nicht scheuen, Hilfe zu leisten, falls sie denn gefragt werden. Der Zweck dieser Menschen ist das Glück der Anderen – dafür zu sorgen, dass Menschen zufrieden werden.

 

In der Vergangenheit öffneten die Türken ihre Tore für Fremde aus anderen Ländern, für Wissenschaftler, Gelehrte, Sufis, für Heilige und Würdenträger. Sie profitierten von ihrem Wissen und schrieben sich mit goldenen Lettern ins Buch der Geschichte ein. Warum sollte das nicht auch in Deutschland gelingen können? Das Potential dafür ist vorhanden. Es muss nur genutzt werden.

 

Betrachtet jemand das Bild unvoreingenommen, stellt er folgendes fest: »Die Beschaffenheit der deutschen Gesellschaft erinnert an die osmanische Gesellschaft. In dem Bezirk, in dem ich wohne, begegne ich Menschen auf der Strasse, die meine Muttersprache sprechen. Wenn mir danach ist, gehe ins Restaurant meines italienischen Freundes..., zum Essen und um mit ihm zu plaudern. Möchte ich über Philosophie sprechen, ist es nicht schwer in Berlin einen indischen Guru zu finden. Sie zeigen in Ihren Gesprächen eine andere Art, die Dinge zu sehen. Da, wo ich arbeite, gibt es einen Chinesen. Der Mann schafft es, in kurzer Zeit viel zu leisten. Praktisch zu sein ist diesen Menschen wohl in die Wiege gelegt. Dank ihm habe ich gelernt, selbst auch schnell und strukturiert zu arbeiten.«

 

Die Zivilisationen sind geschmückt durch ihre Vielfalt. Vielfältig zu sein ist der Schmuck, den sich ein starkes Land anlegt. Mit diesem Schmuck wird es von der gesamten Welt als schön empfunden. Mit diesem Schmuck gewinnt es die Zuneigung und den Respekt der anderen. Wenn Allah, der Herr, es so gewollt hätte, hätte er einen einzigen Stamm, eine einzige Sprache, eine einzige Religion, eine einzige Farbe erschaffen. Aber dies entspräche nicht seiner Glorie. “Wie groß ist meine Glorie” gab er kund und anstatt nur eine einzige, hat er unzählige Welten geschaffen.

 

Die Vielfalt begründet die Glorie eines jeden Staatssouveräns. Sie macht ihn erhaben. Babylon, Rom, das Reich der Seldschuken und das osmanische Reich der Geschichte verfügten über diesen Reichtum der Bestandteile und genau deshalb überdauerten sie viele Jahrhunderte.

 

Sie bildeten eine Gesellschaft, die so sehr im Einklang war, so dass beispielsweise die Christen die seldschukischen Sultane in ihren Kirchen als Zeichen ihrer Dankbarkeit abbildeten. Sobald auch Deutschland nach Innen zu befriedigen vermag und Verbundenheit erlangt, werden auch die Bilder seiner Großen die Wohnungen, Vereins- und Gotteshäuser der Nichtdeutschen schmücken. Beispiel ist das Kosovo: dort ist das Bild und der Name von Clinton überall zu finden, denn die Kosovaren fühlen sich ihm aus Dankbarkeit verbunden. Clinton wird dort geliebt und geachtet. Die Tatsache, dass er Christ ist, hat die Muslime in keinster Weise gestört.

 

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben große Schritte in dieser Hinsicht getan. Im Weißen Haus sind Vertreter aller Religionen anwesend. Diese Vertreter geben dem Präsidenten Rat und zeigen Wege auf. Der Amerikanische Präsident hat ein offenes Ohr für ihren Rat. Das ist ein Usus, der aus der osmanischen Zeit bis in unsere Tage reicht. Denn auch im Umfeld des osmanischen Padischah waren Ratgeber, die nicht nur aus Muslimen bestanden. Gelehrte verschiedener Religionen standen dem Padischah als Wissenschaftler und Religionsführer zur Seite. Der Padischah wusste aus dem Wissen und dem Rat dieser Menschen zu schöpfen.

 

An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass der berühmte amerikanische Historiker Professor Rufi folgendes sagte: „Den Osmanen ist es über Jahrhunderte gelungen. Wir nehmen uns die Osmanen als Beispiel um voranzukommen. Wenn auch die Türkei diese Traditionen modernisiert, wird sie wieder erstarken und zu den auf der Welt entscheidenden Staaten zählen.

 

Deshalb ist Amerika heute eine Supermacht. Es gibt viele Parallelen zwischen den USA und dem osmanischen Reich. Zum Beispiel hat die US-Armee in ihren Garnisonen Gebetstellen für Muslime eingerichtet. Damit die Muslime ihrer Religion entsprechend speisen können, gibt es auch getrennte Küchenbereiche. In den Gerichtssäälen schwören Menschen auf die heiligen Bücher ihrer eigenen Religion, genau wie es bei den Osmanen der Fall war.

 

Zur Zeit der Osmanen hatte der Kadi auf seinem Pult stets den Koran, das heilige Kreuz und den Talmud zur Hand. Je nach Glaubensbekenntnis wurden Kläger und Angeklagte mit ihrer Hand auf dem Heiligsten ihres Glaubens vereidigt.

 

Aber noch ist keine andere Gesellschaft in der Ausübung von Toleranz, Freiheiten und Selbstverständnis so weit vorangekommen wie die Osmanen. Denn die Osmanen schauen auf die Aufgabe, den Staat zu verwalten, die Finanzen zu regeln und die militärischen Belange zu verantworten.

 

Sie Bereiche außerhalb dieser Felder, wie Erziehung und Bildung, Kommunikation, soziale Sicherheit und Wohlfahrt, Justiz, sowie standesamtliche und religiöse Angelegenheiten wurden Einrichtungen und Stiftungen überlassen, die nationale Gruppierungen selbst gründeten.

 

Das religiöse Oberhaupt an der Spitze der byzantinischen Volksgruppe bildete nach seinen Glaubensvorstellungen die ihm Zugehörigen heran. In den von ihnen bewohnten Gebieten hatten sie das Recht, ihr eigenes Nachrichten- und Kommunikationsnetz zu unterhalten. Sie hatten ihre eigene Gerichtsbarkeit und durften ihren Angeklagten selbst den Prozess machen und das Strafmaß selbst bestimmen.

 

So war es möglich, dass jede Gruppe zwanglos ihre eigenen Kulturen und Glaubensvorstellungen frei und ohne Unterdrückung über Jahrhunderte leben konnte. Die Heute in den ehemals von den Osmanen regierten Gebieten lebenden Menschen sehnen sich nach dieser Zeit. Sie träumen davon wie es wohl wäre, wenn die osmanische Zeit wiederkäme. Ohnehin trachteten die Osmanen niemals danach, die Welt zu beherrschen, sondern dem “menschen-würdigen” Handeln auf der Welt zur Herrschafft zu verhelfen.

 

So bekam z.B. der türkische Staatspräsident Abdullah Gül erst in diesem Jahr im Rahmen eines offiziellen Staatsbesuches in Algerien, vom seinem algerischen Amtskollegen einen interessanten Vorschlag zu hören. Der algerische Staatspräsident sagte zum türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül: “Lassen Sie uns die Osmanische Völkergemeinschaft gründen, ähnlich der Struktur des British Commenwealth. Wir vermissen wehmütig die friedensvolle und harmonische Ära, als die Osmanen im Nahen Osten regierten. Mehr denn je, verlangt es uns nach der starken und toleranten osmanischen Ordnung “.

 

Die zu einer regelrechten Blutlache verwandelten Gebiete Balkan, Nahost und Kaukasus erfuhren zur Zeit der Osmanen Frieden und Harmonie. Damit die nationalen Gruppierungen miteinander leben konnten, hatten die Osmanen ein großartiges Gleichgewicht unter ihnen errichtet. Dies erreichten sie, indem sie den gelebten “Tasavvuf”, die islammische Mystik, als Quelle der Philosophie von Toleranz und Akzeptanz, auch in den entlegensten Ecken in ihrem Lande etablieren konnten.

 

Die westlichen Historiker sagen über die mit “Tasavvuf” eins gewordenen Osmanen folgendes: »Die Anzahl der freiheitsliebenden Juden, Polen, Ungarn, Deutscher und Italiener, die sich die Türkei zu ihrer neuen Heimat machten, ist zu groß, um berechnet werden zu können; denn die Osmanen haben nicht versucht, die unter ihnen lebenden anderen Völker zu “türkisieren”.

 

Sie haben ihre Religionen und Traditionen respektiert. Menschen jeder Volksgruppe gegenüber zeigten sie sich gerecht, tolerant und gnädig. Die Türken brachten dort, wo sie hinkamen, Reichtum, Wohlstand und eine zivilisierte Ordnung.

 

Die Tradition der Osmanen bringt die Menschen zusammen, sie trennt sie nicht. Sie betrachten den Menschen mit Liebe. Es gibt keine Trennung nach Religionen und Konfessionen. Es gibt die Freiheit der Religionen, des Gewissens, der Versammlung und der Bildung. Ein jeder ist ein Bürger, ein Landsmann. Unabhängig davon, welcher Religion oder Volkszugehörigkeit sie entstammen, bei Erfolg kann ein jeder Minister und General werden. Vor dem Recht und Gesetz ist ein jeder gleich.«

 

Gerechtigkeit als Zweck zu bestimmen, bedeutete, dass kein religiöser Glaube bevorzugt oder diskriminiert wurde und seine Ausübung gewährleistet sein musste. Um nicht ungerecht zu handeln musste stets sehr empfindsam reagiert werden. Aus dem Staatsetat wurden für Kirchenbauten finanzielle Hilfen in Anspruch genommen. Damit die Volksgruppen ihre Sprachen lehren konnten, wurden ihnen staatliche Gelder zur Verfügung gestellt. Zwischen den Volksgruppen wurde dabei nicht unterschieden – alle wurden gleich behandelt.

 

Nach M. Baudier waren »die Osmanen in Bezug auf Gnade, Mitgefühl und humaner Hilfe allen anderen Völkern überlegen...«. Nachdem er viele tugendhaften Eigenschaften der Osmanen beschreibt, versäumt es Voltaire nicht, über den osmanischen Staat folgendes festzustellen: »Die osmanische Staatsform ist eine Demokratie!«

 

So sagen wir heute: von den Osmanen gibt es vielerlei Erstrebenswertes zu lernen. Daher sollte die türkische Gemeinschaft einen Gewinn für Deutschland darstellen. Ferner sollte stets bedacht sein, dass die Erfahrungen einer einzigen Gesellschaft heutzutage nicht ausreichen, um in einer globalisierten Welt die Probleme zu lösen. Fürsprache und der Schutz von Ansprüchen und Rechten wird Deutschland gegenüber Liebe und Respekt erzeugen. Niemanden dazu zu zwingen, sein Denken und seine Traditionen zu ändern und niemanden deswegen zu verurteilen, wird ein Gefühl der Dankbarkeit und Bewunderung dem deutschen Staat gegenüber erzeugen.

 

Als Schlusswort:
Auch wenn jedes Lebewesen im Ozean den gleichen Ozean teilt, leben sie doch alle ihre eigene Lebensart. Das ist ein Recht, dass jedem vom Ozean selbst eingeräumt wird! Der Ozean überlässt ihnen in ihrer Vielfalt und in ihren Lebensarten die freie Entscheidung.

Oh Deutschland! Wenn Du ein Juwelier bist, dann zeig Dich nicht nur mit einem einzigen Juwel in der Vitrine. Sei ein Juwelier, der jedes Juwel erkennt – der jedes Juwel seinem eigenen Karat entsprechend zu bearbeiten und zu verwerten versteht. Das Ansehen eines Juweliers liegt in der Vielfalt seiner Vitrine begründet.

 

Handhabe es doch genauso! Sei allen anderen Juwelieren ein gutes Beispiel. Trage Du dieses Banner. Behandle und regiere alle Menschen, die in Dir leben, wie Deine Eigenen, sei ihnen ein echter Vater. Unterscheide zwischen ihnen nicht, diskriminiere sie nicht aufgrund der Unterschiede ihrer Ansichten. Erweitere sowohl Deinen, als auch den Horizont Europas. Es würde dir gut zu Gesichte stehen und Dich zieren!

 

Wir sind solche, die einverstanden sind, ihr Leben entsprechend der Verfassung des deutschen Staates zu leben und den Deutschen sowie Deutschland unsere Dankbarkeit aussprechen für die Möglichkeiten, die uns geboten werden und daher täglich darum beten, dass es diesem Lande und seinem Volke stets wohlergehen möge.

 

Allah gebe dem Deutschen Volk und seinem Staat Ruhm und Ehre.

Sheikh Eşref Efendi