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Verantwortung ist etwas Heiliges

Der Mensch ist verantwortlich. Warum ist er verantwortlich? Weil er einen Verstand besitzt. Deswegen ist der Mensch für all seine Taten und Werke verantwortlich und wird für sie Rechenschaft ablegen. Und wer behauptet, er habe für nichts Rechenschaft abzulegen, der ist ein Lügner. Gibt es eine größere Lüge als das?

 

Ja, sagen sie von oben und verbessern uns: eine noch größere Lüge und die größte Lüge ist, zu sagen, es gäbe keinen Gott. Diese Worte sind die schlimmsten aller Worte und die größte aller Lügen. Denn wo es das Geschöpf gibt, muss es auch einen Schöpfer geben. Gleich danach kommt, zu sagen: »ich habe niemandem Rechenschaft abzulegen«.

 

Wie kannst du bloß behaupten, du hättest für nichts Rechnung zu tragen? Ist das ganze Leben denn nicht Buch und Rechnung? Kann man sich ein Leben ohne Buch und Rechnung vorstellen? Keineswegs! Ordnung in deinem Leben entsteht, in dem du über deine Taten Buch führst, und es läuft, in dem du mit dir selbst abrechnest.

 

Ich frage: „Wie konnten die Menschen des 21. Jahrhunderts bloß in diesen Zustand verfallen? Wie konnten sie so tief sinken? Warum kriechen sie auf dem Boden, obwohl sie doch Füße haben, mit denen sie laufen könnten. Weiß es jemand?"

 

Sofort entgegnen sie mir: „Auf dem Boden kriechen, Sheikh Efendi, was redest du? Weißt du denn nicht, dass wir eine äußerst entwickelte Zivilisation sind. Es hat kein Jahrhundert wie das unsrige gegeben. In der Wissenschaft sind wir die absolute Nummer Eins. Wie kannst du bloß sagen, wir würden auf dem Boden kriechen? Was für ein unwissender Mensch bist Du?“

 

Ich gestehe daraufhin: „Ja, ihr habt Recht. Ihr alle seid, weiß Gott, die Klügsten. Ihr wisst, wie alles am Richtigsten ist, und ihr macht alles am Richtigsten. Allerdings gibt es eine Wahrheit, über die ihr in völliger Unkenntnis seid, und diese Wahrheit ist „Allah“. Das einzige Richtige, das ihr nicht tut, ist, mit Ihm zu sein. Aus eben diesem Grund, weil ihr diese Wahrheit nicht anerkennt, kriecht ihr auf dem Boden."

 

Warum sollten wir den Menschen sonst vorwerfen, dass sie auf dem Boden kriechen, wo sie doch mit ihrer Technologie durch die Lüfte fliegen. Nein! Sie mögen zwar mittels der Kraft ihrer Technologie fliegen, in Hinblick auf ihre Spiritualität kriecht die Menschheit heute auf den Abgrund zu.

 

Je mehr die Menschen in der Wissenschaft Fortschritte gemacht haben, desto mehr hat sich ihre Menschlichkeit zurückentwickelt. Sie haben vergessen, dass sie Menschen sind, und sind auf die Stufe der Tiere gefallen. Nein, dies wäre ja eine Beleidigung gegenüber den Tieren - sie sind noch tiefer gefallen. So tief, dass die Tiere jetzt angefangen haben zu prahlen: „Zum Glück sind wir keine Menschen.“

 

In der heutigen Zeit haben die Menschen ihre Menschlichkeit aufgegeben und rühmen sich ihres tierischen Verhaltens.

 

„Wie kann das sein,“ frage ich

 

„Wie kann was sein? Sheikh, warum musst du denn immer in Rätsel reden?“

 

„Erst lobt ihr euch für euren Verstand und eure Intelligenz und beteuert, euer Wissen sei das höchste und eure Zivilisation die Entwickelteste, und dann behauptet ihr, jeder einzelne von euch sei ein Tier. Ich wundere mich, wie ihr diese Gegensätze bloß miteinander vereinbaren könnt.

 

Wie kann jemand sowohl vernünftig und intelligent als auch ein Tier sein? Besitzt ein Tier etwa Verstand und Vernunft? Was ist das für eine Logik? Ich kann sie einfach nicht nachvollziehen und daher frage ich euch. Sonst hätte ich niemals nachgefragt und bitte euch um Vergebung,“ sage ich.

 

„Wenn wir ehrlich sein sollen, Sheikh,“ antworten sie, „haben wir es auch nicht verstanden, aber wir lassen es niemandem anmerken. Wir sind verblüfft, wie du uns mit deiner Unwissenheit und deinem rückständigen Verstand bloß stellen konntest?"

 

Sie sind in Unkenntnis! Und weil sie in Unkenntnis sind, reden sie maßlos. Sie wissen nicht, dass in einem Land voller Gelehrten, der Unwissende Gold wert ist.

 

Kurzum, ohne eine Buchführung über deine Taten gibt es keine Ordnung und ohne eine Abrechung mit dir selbst keine Bewegung. Was ohne das passiert, sehen wir an dem Zustand der heutigen Menschen. Dann bevölkern diese Welt nur noch betrunkene Menschen, die ihre Nacht zum Tag und ihren Tag zur Nacht gemacht haben, die ihr Leben falsch rum leben und, die nicht mehr wissen, was sie gesagt oder getan haben.

 

Es ist eine Zeit angebrochen, in der keiner mehr keinen respektiert, keiner mehr keinen achtet, keiner mehr keinem Recht gibt, keiner mehr keinen über sich anerkennt, jeder sein eigenes Reich proklamiert hat und jeder seinen Nächsten mit Zwang zu seinem Untertan zu machen versucht.

 

Aus jedem Mund kommen nur noch diese Worte: „Ich habe niemandem Rechenschaft abzulegen!“

 

Darauf sage ich nur, wer selbst keine Rechenschaft ablegt, der kann auch nicht nach seinem eigenen Recht verlangen!

 

Entweder hat sich der Verstand der heutigen Menschen durch zu viel Wissen verkleinert oder sie sind denkunfähig geworden, als sie die Denkaufgaben an die Computer abgegeben haben. Oder vielleicht haben sie nach langen Protestaktionen endlich die Gedankenfreiheit erlangt, mit der sie schließlich von jeglichem Nachdenken befreit wurden.

 

O Mensch! Du wirst Rechenschaft ablegen. Wenn nicht im Diesseits, dann im Jenseits. Du kannst dem nicht entfliehen. Du wirst im Jenseits unabwendbar die Rechnung für dein Leben bekommen. Was du gesät hast, wirst du auch ernten – nicht jemand anderes!

 

»Ich habe niemandem Rechenschaft abzulegen«, bedeutet, ich trage keine Verantwortung. Wer aber trägt keine Verantwortung? Die Kinder tragen keine.

 

Kinder sind unschuldig und werden nicht in Rechenschaft gezogen. Daher lastet ihre Verantwortung auf ihren Eltern. Die Last und die Verantwortung des Kindes tragen Vater und Mutter, bis es erwachsen ist.

 

Wenn das Kind sagt, „Vater, Mutter, ich bin jetzt groß geworden, mischt euch nicht mehr ein,“ dann musst du es sich überlassen und antworten:

 

„Na gut, wenn du schon groß geworden bist, so musst du die Verantwortung deines Lebens auf dich nehmen. Deine Rechnung bezahlst jetzt du selbst. Denn nun bist du verantwortlich!“

 

Bezahle nun das Brot, das du isst, das Wasser, das du trinkst, das Haus, in dem du lebst, die Elektrizität, die du verbrauchst, und stehe gerade für die Schuld deiner Vergehen und das Leben, das du führst. Da du ja jetzt groß bist, trägst du auch Verantwortung und musst für dein Leben bezahlen.

 

Du wirst Rechenschaft ablegen, ob du es willst oder nicht. Wenn du dich nicht bei dem unter dir rechtfertigst, so wirst du dich sicherlich bei dem über dir rechtfertigen. Warum betrügst du dich dann selbst, in dem du sagst, ich lege niemandem Rechenschaft ab? Wenn du deine Arbeiter nicht bezahlst, so zahlst du dafür bei deinem Vorgesetzten.

 

Und wärest du auch der Sultan dieser Welt, aber gibst deinem Volk nichts ab, so wirst du dafür bei deinem Herrn eine Rechenschaft abgeben müssen – du kannst nicht fliehen!

 

Deshalb sage nicht: „ich werde keine Rechenschaft ablegen“. Wer das Essen isst, muss es auch bezahlen. Dies ist das Gesetz dieser Welt. Wenn du schon die Genüsse dieser Welt kostest, so musst du auch dafür bezahlen.

 

Kurzum, in der Existenz wird jedem Geschöpf entsprechend seines Verstandes und seiner Stärke eine Verantwortung aufgetragen.

 

Der eine kann nur sich selbst (er)tragen, der andere kann vielleicht für eine ganze Familie oder eine fünfzigköpfige Firma oder sogar für eine ganze Nation sorgen.

 

Um eine ganze Welt zu tragen oder ein ganzes Universum zu beaufsichtigen, bedarf es eines Göttlichen Talents und einer Göttlichen Kraft. Dies gelingt nicht jedem. So sind diejenigen, denen es nicht gelingt, stets in Überzahl und auf denjenigen angewiesen, der dazu im Stande ist.

 

Jeder Mensch ist auf einen Schutz angewiesen. Gibt es einen Menschen, der nicht wegen irgendetwas auf einen anderen angewiesen ist? Jeder Mensch ist bedürftig und am meisten bedarf er des Schutzes.

 

Wonach bedarf der Mensch? Nach dem Brot gegen den Hunger, nach dem Wasser gegen den Durst, nach der Kleidung gegen die Hitze und Kälte.

 

Im Grunde trägt alles in dieser Welt eine Verantwortung und ist auf einander angewiesen. Daher trägt alles auch einander Rechnung. Zum Beispiel benötigt der Mensch Kleidung, für die er bezahlt und eine Verantwortung trägt. Seine Verantwortung ist es nämlich, die Kleidung rein zu halten.

 

Die Kleidung ist auch auf den Menschen angewiesen und trägt ihrerseits gegenüber ihm auch eine Verantwortung. Die Verantwortung der Kleidung ist es, den Menschen zu bedecken und ihn vor Hitze und Kälte zu beschützen.

 

Brot schützt vor Hunger und Wasser vor Durst. Daher bedeutet, ein Bedürfnis zu stillen, vor diesem Bedürfnis beschützt zu werden. Dies ist die Wahrheit darüber.

 

Wer auf die beste Weise beschützt werden will, muss denjenigen finden, der dazu im Stande ist. Und wer ist es, der dich auf beste Weise behütet? Es ist der Allmächtige Herr!

 

Eine Geschichte: Eines Tages betete Moses – Friede sei über ihm – folgendes Gebet:

 

„O Herr, teile mir mit, wer mein Nachbar im Paradies sein wird, sodass ich ihn besuchen gehen und kennen lernen kann.“

 

Moses wurde daraufhin folgendes offenbart: „Gehe zu dem und dem Ort! Dort gibt es am Anfang des Marktes eine Metzgerei. Besuche den Metzger, dem diese Metzgerei gehört! Er ist einer meiner heiligen Diener. Geh du zu ihm und lass ihn nicht zu dir herrufen, denn er kann nicht zu dir kommen, da er eine sehr wichtige Verantwortung hat. Eben diese Person ist dein Nachbar im Paradies.“

 

Moses ging sofort zu dem besagten Ort. Er fand den Metzger und sagte zu ihm: „Ich bin zu dir als Gast gekommen.“ Der Metzger aber erkannte Moses nicht. „Sei herzlich willkommen, nimm doch bitte Platz,“ begrüßte er ihn.

 

Als er seine Arbeit in der Metzgerei beendet hatte, nahm er Moses zu sich nach Hause mit. Er bot ihm den Ehrenplatz seines Hauses an und bewirtete ihn reichlich. Dabei beobachte Moses seinen Gastgeber voller Aufmerksamkeit.

 

Er sah wie er in einem Tontopf Fleisch briet. Als das Fleisch gar geworden war, teilte er es in kleine Stücke. Diese tat er dann auf einen Teller, den er anschließend beiseite legte. Daraufhin bereitete er ein weiteres Stück Fleisch zu und bot es seinem Gast Moses an: „Ich habe etwas wichtiges zu erledigen. Warte nicht auf mich, iss ruhig dein Essen!“

 

Dann ging er in ein Nebenzimmer. Als er sagte, ich habe etwas Wichtiges zu erledigen, wurde Moses neugierig und schlich dem Metzger heimlich hinterher. Im Nebenzimmer hing ein Korb an der Wand und er nahm diesen herunter. In dem Korb befand sich eine sehr alte und kraftlose Frau. Nun gab er ihr von dem Fleisch zu essen, das er vorhin in kleine Stücke geteilt hatte. Nachdem er die Frau auf fürsorglichste Weise gesättigt hatte, entfernte und ersetzte er ihre dreckig gewordenen Windeln. Die dreckigen Windeln gewaschen und aufgehängt, wusch er sich seine Hände und ging zurück zu Moses.

 

Als er sah, dass Moses das Essen nicht angerührt hatte, fragte er: „Warum haben Sie denn nicht schon angefangen zu essen?“

 

Moses entgegnete: „Solange du mir nicht gesagt hast, was es mit dem Korb auf sich hat, werde ich keinen Bissen zu mir nehmen.“

 

„Wenn es dich schon interessiert, so werde ich dir darüber erzählen.

 

O Gast, das in diesem Korb ist meine Mutter. Als ich klein war, hat sie für mich gesorgt und meine ganze Last und Verantwortung getragen, ohne sich dabei einmal zu beschweren.

 

Jetzt ist sie alt geworden ist und hat all ihre Kraft verloren. Außerdem gibt es Zuhause sonst niemand anderen nach dem ich schauen müsste. Ich würde heiraten, aber ich habe eine Verantwortung gegenüber meiner Mutter. Vielleicht verletzte meine Ehefrau meine Mutter und weil sie meine Mutter traurig machen könnte, heirate ich nicht.

 

Wenn ich zur Arbeit gehe, lege ich sie, wie du es gesehen hast, in einen Korb, damit ihr kein Tier ihr womöglich schaden kann. Ich komme jeden Tag und gebe ihr zwei Mahlzeiten. Und nur nachdem ich ihr all ihren Dienst verrichtet habe, gehe ich erst zur Arbeit.“

 

Daraufhin sagte Moses: „Es gibt da noch eine Sache, die ich dich fragen will. Als du deiner Mutter zu Essen und zu Trinken gegeben hattest, bewegte sie ihre Lippen und du sagtest Amen. Was für ein Gebet sprach deine Mutter?“

 

»O Gast, Meine Mutter betet nach jedem Gefallen, den ich ihr tue, folgendes Gebet: möge der Herr dich im Paradies zum Nachbarn von Moses machen. Und obwohl ich das nicht für möglich halte, sage ich trotzdem immer Amen. Denn, o Fremder, wer bin schon ich, dass ich jenem großen Propheten ein Nachbar sein könnte. Was für Taten und Werke habe ich denn verrichtet, durch die ich seiner Gegenwart würdig sein könnte ...«

 

Daraufhin verkündete Moses, der bis jetzt verschwiegen hatte, voll Freude wer er war: „O du geliebter Diener des Herrn, ich bin Moses. Frohe Botschaft sei dir! Der Herr hat die Gebete deiner Mutter erhört und entsandte mich, dir dies mitzuteilen. Weil du die Zufriedenheit deiner Mutter gewonnen hast und du dich in ihrem Alter ihrer Verantwortung auf schönste Weise, ohne dich zu beschweren, angenommen hast, hast du das Paradies gewonnen und wirst dort mein Nachbar sein.“

 

Alles trägt eine Verantwortung. Wer nicht von seiner Verantwortung wegrennt und ihr auf beste Weise gerecht wird, der wird im Diesseits und im Jenseits mit den Glückseligen zusammensein und ginge er in die Hölle, so würde sich die Hölle für ihn in ein Paradies verwandeln.

 

Verantwortung übernehmen bedeutet, für das auf sich Genommene belohnt zu werden. Auf den, der in diesem Leben, ohne Pleite zu gehen, seine Schulden begleicht, wartet Lob und niemals Tadel.